André Golke über den FC St. Pauli, Kiezpartys und Eric Cantona

»Jungs, es gibt Freibier!«

Das Stadion ist ein Prachtstück, nur leider hatten die Fans auf den Tribünen zuletzt wenig zu feiern. Vor der Rückrunde steht der FC St. Pauli auf Platz 17 der Zweiten Liga. Wird nun alles besser, André Golke?

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André Golke, waren Sie in letzter Zeit mal am Millerntor, oder haben Sie sich das erspart?
Ich schaue dort öfter vorbei und war dieses Jahr bei fünf Heimspielen. Da waren wirklich Gruselkicks dabei. Die letzte Partie gegen Aalen war allerdings ordentlich, da war Zug drin, und das macht mir Hoffnung.
 
Was stimmt Sie optimistisch?
Die Mannschaft hat sich nicht hinten versteckt, wie sie es in den letzten Jahren leider zu oft getan hat. Zu Hause musst du vorne draufgehen und den Gegner unter Druck setzen. Mit Angsthasenfußball hast du bei Heimspielen keinen Erfolg. Der neue Trainer Lienen lässt offensiver und aggressiver spielen, das gefällt mir.
 
Haben Sie zu Ihrer Zeit auf St. Pauli anderen Fußball gespielt?
Wir haben früher die Kugel oft lang nach vorne gehauen und sind dann 20 Minuten nur draufgegangen. Dadurch haben wir auch die Zuschauer mitgerissen und das Stadion in einen Hexenkessel verwandelt. Ich weiß von ehemaligen Gegnern, dass die nie gerne bei uns gespielt haben. Das ist heute leider anders, die Mannschaften kommen gerne nach Hamburg. Große Stadt, volles Stadion, und dann dürfen sie auch noch locker drei Punkte mitnehmen, weil ihnen keiner mehr wehtut.
 
Ist das Millerntor für Sie heute kein Hexenkessel mehr?
Damals hat das ganze Stadion zusammen gebrüllt, nicht nur die eine Kurve, sondern auch die Gegentribüne. Heute machen die Jungs hinter dem Tor ihre eigenen Sachen, und wenn die Gegengerade einen Song anstimmt, singen die gar nicht mit. Die ziehen ihr eigenes Ding durch und interessieren sich nicht dafür, wie es gerade steht oder was die Mannschaft braucht. Früher hallte es von allen Seiten: »Alle auf die Acht!«, dadurch hatte man als Spieler das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen. Das war schon sehr eingeschworen.
 
Also hatte die Mannschaft damals ein anderes Verhältnis zu den Fans?
Zwischen Fans und Mannschaft gab es eine Symbiose. Zum einen durch den sportlichen Erfolg, da wir aus der Oberliga (damals Dritte Liga, d. Red.) bis in die Bundesliga marschiert sind. Zum anderen aber auch, weil der Kader zu 50 Prozent aus Hamburgern bestand. Da kannte fast jeder aus der Truppe Dutzende Schulkameraden oder Freunde, die im Publikum saßen.
 
Und nach dem Spiel ging es gemeinsam auf die Reeperbahn, um den Sieg zu begießen?
Wir sind oft ins Klubheim gegangen. In der alten Räucherhöhle haben wir mit den Fans auch nach schlechten Spielen unser Bier getrunken, ohne angepöbelt zu werden. Wir hatten einen guten Draht zueinander.
 
Wo hat es Sie mit der Mannschaft hingezogen, wenn Sie nach dem Klubheim noch weiterwollten?
Es gab da diese eine Kneipe auf dem Kiez: »Die blaue Nacht«. Da haben wir uns ständig getroffen – nicht nur nach den Spielen. Die Kneipe war über 25 Jahre von St. Pauli-Spielern frequentiert, das ist heute leider anders.
 
Woran liegt das?
Das Medienaufkommen ist heute ein ganz anderes. Da sind überall Reporter mit ihren unsäglichen Handykameras unterwegs, und ich kann verstehen, dass die Jungs sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Die werden ja gleich vom Verein zu horrenden Geldstrafen verurteilt, wenn rauskommt, dass sie drei Tage vor einem Spiel ein Bier getrunken haben.