Amin Younes über hysterische Fans in Neapel und Telefonate mit Lucien Favre

»Damals gab’s auch keinen Glamour«

Amin Younes zauberte sich 2017 mit Ajax durch die Europa League und gewann mit Deutschland den Confed Cup. Dann wurde es chaotisch. Ein Gespräch über die neapolitanische Polizei, Käfigfußball in Holland und die Träume seines Vaters.
 

Bild: Daniel Gebhard de Koekkoek
Heft: #
212

Hinweis: Das Interview erschien erstmals in 11FREUNDE #212. Das Heft gibt es bei uns im Shop

Amin Younes, Sie gelten als Straßenfußballer, trafen zu Beginn Ihrer Karriere aber gleich auf einen besessenen Tüftler wie Lucien Favre. Ein komplizierter Start?

Lucien Favre ist ein toller Trainer. Er will jeden Spieler jeden Tag besser machen und bei den meisten bekommt er das auch hin. Weil er im Training auf Kleinigkeiten eingeht, weil er dich zur Seite nimmt und dir genau erklärt, was du richtig oder falsch gemacht hast. Aber für mich als 17-jährigen Spieler war es in Gladbach eine große Herausforderung, all dem im Detail zu folgen.

Wieso?

Weil er wirklich immer auf jede Kleinigkeit eingegangen ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Gerne.
Einmal holte er mich bei einem Trainingsspiel zu sich an den Rand, irgendetwas an meinem taktischen Verhalten hatte ihm nicht gefallen. Er erklärte mir sehr detailliert, was ich in Zukunft anders machen sollte. Zwei Stunden später klingelte mein Handy, Favre rief an. Ich fürchtete schon, dass ich eine Einheit verpennt hätte und er sauer wäre, aber stattdessen ging es um die Szene aus dem Vormittagstraining. Er sagte: »Ich bin gerade auf einer Taktiktafel noch mal die Situation von vorhin durchgegangen und wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich Ihnen die Zusammenhänge falsch erklärt habe. Darauf komme ich morgen noch mal in Ruhe zurück. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen.« Es lag ihm wirklich am Herzen, dass ich mir keine falschen Anweisungen einpräge. Das Telefonat sagt viel über Favre und seine Akribie aus.



Gab es in ihrem Leben noch andere Menschen, die sich ähnlich intensiv mit Ihrem Spiel auseinandergesetzt haben?

Mein Vater! Das läuft zwar auf einer eher emotionalen Ebene ab, aber er ist extrem fußballverrückt. Er schaut zum Beispiel jedes Spiel von mir noch mal im Re-Live an. Dann ruft er mich an und gibt mir detailliertes Feedback. Er sagt dann: »Junge, in der Situation musst du schießen, nicht noch einen Haken machen.« 



Sie sind 25 Jahre alt. Geht Ihnen das nicht auf den Geist?

Nein. Ich weiß, dass mein Vater diese Unterhaltungen liebt. Er war Jugendnationalspieler im Libanon, musste aber aufgrund des Bürgerkriegs schon früh seine Karriere beenden. Das hat ihn sehr traurig gemacht. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass er durch mich ein Stück weit seinen eigenen Traum leben kann. Es macht ihn glücklich, wenn er mir von Vater zu Sohn Tipps geben kann. Und ich kann diese Tipps ganz gut einordnen. (Lacht.)



Wie war es früher?

Als ich jünger war, hat mich mein Vater nach Spielen oft zu sich gerufen und wir sind noch mal auf den Platz gegangen. Er stellte Hütchen auf, dann übten wir die Dinge, die im Spiel nicht gut geklappt hatten. 



Manchen Trainern dürfte das nicht unbedingt gefallen haben.

Klar, da kam es oft zu Diskussionen. Mein Vater meinte dann, ich müsse im Zentrum spielen, auf der Zehn. Aber ich habe früh meinen Kopf eingeschaltet und kapiert, dass er als mein Vater zwar immer das Beste für mich will, es für mich aber darum gehen muss, dass wir als Mannschaft gut spielen. 



In was für Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?

In bescheidenen Verhältnissen. Als ich klein war, lebten meine Eltern, mein älterer Bruder und ich zu viert in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in einem Düsseldorfer Plattenbau. In den Sommerferien, wenn wir die Familie meines Vaters im Libanon besuchen wollten, donnerten wir in unserem alten Mitsubishi 40 Stunden quer durch Europa, weil Flugtickets viel zu teuer gewesen wären. Gleichzeitig fehlte es mir an nichts und ich bin dankbar für die Chancen, die mir Deutschland geboten hat.