Amateurschiedsrichter Grübel über seinen Not-Einsatz in der Regionalliga

»René, René, wink einmal!«

Eigentlich wollte Lok-Leipzig-Fan René Grübel am Samstag nur seine Mannschaft in der Regionalliga anfeuern. Doch dann verletzte sich einer der Linienrichter am Fuß. Lok fahndete fieberhaft nach Ersatz – ein Job wie gemacht für Kreisliga-Schiri Grübel. 

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In der 15. Minute der Begegnung Lok Leipzig gegen Union Fürstenwalde verletzt sich Linienrichter Stefan Prager am Sprunggelenk. Die anwesenden Physiotherapeuten können ihn auf die Schnelle nicht wieder aufpäppeln. Also muss Ersatz her. Schließlich meldet sich René Grübel, 39, aus Lobstädt.

Herr Grübel, Sie sind leidenschaftlicher Amateurschiedsrichter und waren maximal in der Landesliga als Linienrichter unterwegs. Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Stadionsprecher nach Hilfe fahndete?

In der Verletzungspause hatten meine Kumpels und ich schon über meinen Einsatz gewitzelt. Und als der Aufruf kam, sagten meine Freunde: »So, jetzt bist du dran«. Also bin ich, ohne nachzudenken, direkt runter zum Ordner gegangen.

Hatte Sie keine kleinen Zweifel?

Nein, in dem Augenblick nicht.

Wie ging es dann weiter?

Es waren noch zwei andere Schiedsrichter privat dort. Der eine war Mitglied bei Lok, fiel also weg, und der andere pfiff tiefer als ich. Als meine Personalien überprüft waren, ging's kurz in die Katakomben und dann stand ich auch schon in den zusammengeborgten Schiedsrichter-Klamotten am Spielfeldrand.

Wie reagierte das Publikum auf Sie?

Erstmal gab's Applaus vom gesamten Stadion. Und die Leute direkt hinter mir, einige kennen mich dadurch, dass ich gelegentlich bei Lok zuschaue, haben immer wieder Sprechchöre wie »ohne Lobstädt wäre hier gar nichts los« angestimmt. Da musste ich schmunzeln und mir das Lachen verkneifen. Oder: »René, René, wink einmal.« Nix negatives. Der ganze Tag war einfach verrückt für mich.

Stehen Sie gerne im Mittelpunkt?

Überhaupt nicht, ich bin mehr der stille Beobachter. Vorneweg marschieren ist eigentlich gar nicht mein Ding, auch wenn ich Berufssoldat bin. Das war in dem Moment für mich komplettes Neuland. 3.300 Zuschauer: Ist schon eine Hausnummer. Außerdem war eine Fernsehkamera permanent auf mich fixiert. Das ist dann schon komisch. Wenn du an der Eckfahne stehst und neben dir liegt die Kamera und nimmt dich in Großaufnahme auf. Ich fand es schon ein bisschen penetrant und teilweise unangenehm.

Weil es Sie von der Arbeit ablenkte?

Man ist dann nervös und will keine Fehler machen. Gerade keine pro Lok. Als Anhänger von Leipzig wollte ich mir nicht nachsagen lassen, ich wäre im Spiel parteiisch gewesen.

Diese Art Aufmerksamkeit ist Alltag für Ihre Kollegen in den Profi-Ligen.

Wenn ich selber Fußball gucke, bin ich immer pro Schiedsrichter. Wir sind nur Menschen, wir machen auch Fehler. Ich sag’ immer, wenn der Schiedsrichter das knappe Abseits übersieht, dann ist das eben so. Der Fernsehzuschauer hat eben seine zehntausend Zeitlupen und Messlinien.

Gab es auch Entscheidungen, bei denen Sie falsch lagen?

Ja, beim 4:0. Für mich war es in dem Moment kein Abseits, im Fernsehen sieht man dann wirklich, dass der Angreifer diesen einen halben Schritt weiter vorne steht. Es geht auch alles sehr schnell, was man gar nicht gewöhnt ist als Kreisoberliga-Schiedsrichter. Gut, ist passiert. Es hat sich auch keiner beschwert, auch der Trainer von Fürstenwalde nicht.

Und die Fans?

Auch nicht, weil die das selber nicht richtig mitbekommen haben. Die vielen Lok Fans, die sagten in dem Moment sowieso nichts. Und von Union Fürstenwalde waren gar nicht so viele da, die standen außerdem auf der anderen Feldseite.

Wie war nach dem Spiel die Rückmeldung der anderen Schiedsrichter?

Wir haben uns sehr angenehm in der Halbzeit und danach unterhalten. Sie meinten: »Gut gemacht.« Es mir sehr geholfen, dass ich mit Eugen Ostrinund und Matthias Lämmchen zwei klasse Kollegen auf dem Feld hatte. Dem verletzten Stefan Prager wünsch' ich gute Besserung nach seinem Außenbandriss.

Und was sagte der Schiedsrichterbeobachter? Wollte der Sie gleich dauerhaft verpflichten?

Ne, ne (lacht), das wäre auch gar nicht möglich. Aber er fand meine Leistung in Ordnung.

Lassen Sie uns mal rumspinnen. Wenn Sie einen Wunsch offen hätten, wo würden Sie gerne pfeifen?

Dortmund gegen Schalke. In Dortmund vor den 80.000 Zuschauern. Da würde ich zu gerne sehen, wie ich in so einem Moment reagiere. Aber mein absolutes Leistungslimit wäre wohl die dritte Liga. Ab da wird es dann viel zu schnell.

Die erste kleine Feuerprobe haben Sie ja schon einmal bestanden.

Genau. Es wäre womöglich nochmal eine andere Situation gewesen, wenn Lok Leipzig gegen BFC Dynamo oder den Chemnitzer FC gespielt hätte. Da wäre es wohl hektischer und intensiver hergegangen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Als Berufssoldat bleibt ihnen nicht allzu viel Freiraum.

Ich denke, ich bleibe mal in der Kreisoberliga, weil ich nebenbei auch selber noch Beobachter bin. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, macht aber auch Spaß. Die Landesklasse für mich als Assistent ist okay. Ich habe ja auch noch Familie. Einmal im Fernsehen zu sein, hat gereicht.

Lok Leipzig gewann das Spiel gegen Union Fürstenwalde letztendlich mit 5:0. Im Gespräch mit Märkischen Oderzeitung monierte Fürstenwaldes Trainer André Meyer den Umstand, dass Grübel Anhänger von Leipzig sei. »Auf das Ergebnis hatte das keinen entscheidenden Einfluss. Aber wenn der neue Assistent in den sozialen Netzwerken als bekennender Lok-Fan auftaucht, dann hat das zumindest einen Beigeschmack.« Laut Bild ändere das aber nichts an der Spielwertung.

Hier die Zusammenfassung des MDR: