Als Weinheim den FC Bayern aus dem Pokal warf

»Ich bekam Fanpost aus China«

Im August 1990 schoss Weinheims Thomas Schwechheimer die Bayern aus dem DFB-Pokal. Danach erhielt er eine Einladung ins Sportstudio – dabei wollte er lieber mit Freunden einen draufmachen.

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Tore

Thomas Schwechheimer, am 4. August 1990 warfen Sie mit dem Oberligisten FV 09 Weinheim den FC Bayern aus dem DFB-Pokal. Sie schossen das entscheidende 1:0. Veränderte das Tor Ihr Leben?
Ich bekam plötzlich Fanpost. Sogar aus der ehemaligen DDR kamen Briefe, und aus China erhielt ich ein Glückwunschtelegramm. Außerdem trudelten eine Menge Fragen nach Autogrammkarten ein, aber ich hatte so etwas gar nicht. Also unterschrieb ich einfach auf normalen Fotos und verschickte die. Aber sonst lief alles weiter, wie ich es gewohnt war.

Als Sie nach dem Schlusspfiff erfuhren, dass Sie ins Sportstudio müssen, sollen Sie gesagt haben: »Die können mich mal. Ich geh heute mit meinen Kumpels einen trinken.« Ganz schön forsch.
Ganz so habe ich das nicht gesagt, aber es stimmt: Ich hätte lieber mit der Mannschaft gefeiert. Es war für mich jedenfalls ein ziemlicher Aufwand, mit dem Auto von Weinheim nach Mainz zu fahren. Außerdem hatte ich nur eine kurze Hose und kein passendes T-Shirt dabei. Bis wir wieder daheim waren, war es halb eins, und in Weinheim war nichts mehr los. Andererseits: Welcher Amateurspieler kommt denn schon ins Sportstudio? Das schaffen die wenigsten.

Beschreiben Sie doch mal Ihr Tor.
Mein Mitspieler Jürgen Teubel passte auf unseren Stürmer Stefan Baumann, der in den Strafraum der Münchner rannte und nach einem Zweikampf mit Jürgen Kohler zu Boden ging. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass es eher kein Foul war. Aber von den Bayern hat sich niemand beschwert. Vielleicht dachten die, dass noch genug Zeit bleibt. Es lief ja erst die 28. Minute.

Und dann verluden Sie Raimond Aumann.
Elfmeter sind immer auch Glückssache. Aber Aumann war nie ein Elfmeterkiller. Er ist früh in die rechte Ecke gesprungen. Daher war es für mich nicht so schwer, den Ball zu verwandeln.



Haben Sie danach an eine Sensation geglaubt?
Niemand hat gedacht, dass es beim 1:0 bleiben könnte. Kurioserweise hatten wir zum Schluss weitere gute Chancen, wir hätten sogar noch höher gewinnen können.

Welche Rolle spielte das Wetter?
Es war der heißeste Tag des Jahres, mindestens 45 Grad in der Sonne. Da musste man sich richtig zwingen zu laufen. Die Bayern liefen offenbar zu wenig – und waren trotzdem schon kurz nach der Halbzeit platt.



Wie verliefen die Minuten nach dem Abpfiff?
Die Zuschauer stürmten den Platz und haben unseren Torwart hochleben lassen. Die Bayern verschwanden hingegen direkt. Die hatten sich sogar vor dem Spiel schon in der Kabine und nicht auf dem Platz warm gemacht. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

Sie sind Bayern-Fan. Konnten Sie denn ein Souvenir ergattern?
Nein, aber wir konnten sowieso keinen Trikottausch anbieten, denn wir hatten nicht genügend Trikotsätze auf Lager. Es gab in der ganzen Saison nur ein Trikot für die Heim- und eins für die Auswärtsspiele.

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