Als St. Pauli ins DFB-Pokal-Halbfinale kam

»Wir träumten von Europa«

Hat Hertha den FC St. Pauli unterschätzt?
Vor dem Spiel sicherlich nicht. Vielleicht haben sich die Berliner aber durch die schnelle Führung und unseren Patzer in der 40. Minute in Sicherheit gewogen. Allerdings haben auch unsere Fans kaum noch an eine Aufholjagd geglaubt. Wie ich jetzt zu meiner Verwunderung erfahren habe.
 
Jetzt?
Bei der »Bokalfieber«-Party konnten wir die zweite Halbzeit aufgrund technischer Probleme nicht mehr sehen. Also bin ich mit dem Mikrofon durchs Publikum gegangen und habe die Fans gefragt, wie sie das Spiel erlebt haben. Sie hatten uns alle abgeschrieben. Alle! Frechheit eigentlich. (Lacht.)
 
Haben Sie denn noch an einen Sieg geglaubt? Immerhin schoss Hertha in der Verlängerung das 3:2.
Die ganze Pokalrunde fühlte sich an wie ein ewiges Comeback. Auch hier wieder: Trotz erneutem Nackenschlag kamen wir zurück. Ich erinnere mich noch, wie Lele (Florian Lechner, d. Red.) kurz vor dem 3:3 mit Krämpfen am Boden lag. Dann rollte aber schon der nächste Angriff. Lele bekam den Ball, zog aus 25 Metern ab – drin.
 
Am 25. Januar 2016 jährt sich das Viertelfinale gegen Werder Bremen zum zehnten Mal. Auch dieses Spiel wird noch einmal in kompletter Länge gezeigt. Mal Hand aufs Herz: Durfte dieses Spiel überhaupt angepfiffen werden?
Eigentlich nein. Der Boden war komplett schneebedeckt, am Millerntor gab es damals noch keine Rasenheizung. Das Spiel hatte groteske Züge und mit Fußball nicht sonderlich viel zu tun. Es war eher wie Schlittschuhlaufen.
 
Klaus Allofs war nach dem Spiel außer sich vor Wut, weil Dr. Felix Brych den Platz für bespielbar gehalten hatte.
Ich kann ihn irgendwo verstehen. Allerdings hatte Werder auch gute Chancen, das Spiel zu gewinnen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Tim Borowskis Lattentreffer.


 
St. Pauli hatte sich in der Winterpause 2005/06 nicht im Süden vorbereitet, sondern war im verschneiten Hamburg geblieben. War das ein Vorteil?
Vielleicht. Jedenfalls kannten wir die Bedingungen vom Training. Schon auf dem Weg durch den Spielertunnel hörte ich, wer sich für welches Schuhwerk entschieden hatte: »Klack, klack, klack« machte es bei uns. Bei Werder hörte man hingegen nichts. Die vertrauten tatsächlich auf Multinocken.
 
Sind Sie abergläubisch?
Ich habe ein kleines Ritual: Ich packe immer den rechten Schienbeinschoner zuerst rein. Boller (Fabian Boll, d. Red.) saß in der Kabine neben mir und hatte mehrere Rituale.
 
Wirklich? Uns erzählte er 2014 in einem Interview, dass er Aberglaube zu anstrengend findet.
Eigentlich liefen wir in der Saison mit den Camouflage-Trikots auf. Gegen Bochum waren wir aber auf die klassischen braunen Jerseys ausgewichen – warum auch immer. Ich meine, dass Boller und Ralle (Ralph Gunesch, d. Red.) bei jedem Spiel das braune Shirt unter das Camouflage-Trikot gezogen haben. So auch gegen Bremen.
 
Die Party nach dem 3:1 gegen Werder soll vergleichbar mit einem WM-Sieg gewesen sein. Eine Zeitung schrieb, dass Klaus Allofs nicht aus dem Klubheim gekommen sei, weil ein betrunkener Fan im Eingangsbereich lag.
Das hätte auch jemand von uns sein können. (Lacht.) Die Nacht war großartig. Auch in den Tagen danach wurden wir auf einer Euphoriewelle durch Hamburg getragen. Ich habe mich in meinem Leben selten so gut gefühlt.
 
Wenige Tage später ging es in der Regionalliga wieder gegen Kickers Emden und im Landespokal gegen einen Kreisligisten. Wie konnten Sie sich da motivieren?
Es war ein spannender Spagat. Von der großen DFB-Pokal-Bühne zurück zum Liga-Alltag. Tatsächlich starteten wir nicht sonderlich gut in die Rückrunde. Auch für mich lief es schlecht. Ich bekam einige Wochen später gegen Bayer Leverkusen II eine Rote Karte und spielte nicht mehr so gut wie in der Hinrunde. Das hat mich vermutlich meinen Startplatz gegen Bayern im Pokal-Halbfinale gekostet. Darüber ärgere ich mich noch heute.
 
Auch gegen die Bayern geriet St. Pauli schnell in Rückstand. Warum klappte es diesmal nicht mit einem Comeback?
Weil die Bayern nun mal die Bayern sind. Dabei spielten wir sogar ganz gut und glaubten lange daran, dass Spiel zu drehen. Erst als in der 81. Minute das 0:2 fiel, war die Sache gegessen.
 
Dabei träumte der damalige Sportdirektor Holger Stanislawski schon von Europa. Nach dem Sieg gegen Werder sagte er: »Ich habe mir schon die Adresse von KF Tirana rausgelegt.«
Ein typischer Stani. (Lacht.) Aber mit ein bisschen Glück in der Auslosung hätte es ja auch klappen können. Bielefeld im Halbfinale, im Finale Bayern – und wir wären als Drittligist im Uefa-Cup gewesen.
 
Was hat die Pokalsaison das Team gelehrt?
Vielleicht dass man den Glauben nie aufgeben darf. Bestes Beispiel  dafür ist das darauffolgende Jahr: Nach der Hinrunde standen wir auf Platz 13, dann übernahm Stani und wir explodierten förmlich. Am Ende der Saison stiegen wir als Meister auf.