Als Jörg Blüthmann vom Westen in die DDR-Oberliga wechselte

»Es war ein Abenteuer«

Am 2. Juli 1990 unterschrieb Jörg Blüthmann einen Vertrag bei Stahl Brandenburg und wurde so zum ersten Westprofi im Osten. Und das, obwohl ihn Brandenburg erst mal schockte.

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Spezial 10

Jörg Blüthmann, Sie waren der erste Wessi im Ostfußball. Wie kam es denn dazu?
Ich spielte für die Reinickendorfer Füchse und wollte eigentlich zu Hannover 96. Das zerschlug sich aber. Dann nahm Stahl Brandenburg Kontakt auf.

War Ihr Wechsel kein Kulturschock?
Ostberlin kannte ich, aber die DDR nicht. Die Verhandlungen liefen in Berlin, aber vor der Unterschrift wollte ich das Trainingsgelände sehen. Ich fuhr nach Brandenburg – und war geschockt.

Warum?
Auf dem Weg kam ich an einem alten Stahlwerk vorbei. Fünf riesige Schlote, die schwarzen Rauch in die Luft bliesen. Alles war dunkel und schmutzig, kaputt und roch seltsam. Bei Stahl gab es ein Wohnhaus am Stadion, da sollte ich ein Zimmer bekommen. Ich ging einen Schritt in das Haus und drehte sofort um.


Blüthmann im Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC (Bild: stahl-brandenburg.npage.de)

Trotzdem blieben Sie. Warum?
Wegen der Herzlichkeit der Menschen. Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Und die Trainingsanlage war toll. Also pendelte ich jeden Tag 75 Kilometer.

Viele Ostfußballer wurden von Westklubs abgeworben. Haben Sie diese Goldgräberstimmung mitbekommen?
Günther Netzer war oft da, er hatte Kontakte nach Brandenburg. Ansonsten waren die Manager eher bei anderen Klubs, denn Stahl war damals dafür bekannt, Spieler zu haben, die in anderen Klubs negativ aufgefallen waren.

Was meinen Sie?
Ein Mitspieler wurde aus Berlin nach Brandenburg delegiert, weil er oft handfeste Auseinandersetzungen mit seiner Frau hatte und eines Tages betrunken und mit einer Stichwunde im Bauch bei der Polizei stand. Ein anderer kam aus Jena, weil er sich in der Friedensbewegung engagiert hatte. Bei zwei anderen hatte es den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung gegeben.