Alexander Schimpke über »Das Rudel«

»Ein bisschen wie Krieg«

Alexander Schimpke hat einen Dokumentarfilm über die Ultras von Union Berlin gemacht. Authentisch erzählt, führt »Das Rudel« eines vor Augen: die Sehnsucht nach Masse im Individuum, danach, in irgendetwas aufzugehen. Alexander Schimpke über »Das Rudel«Alexander Schimpke

Alexander Schimpke, während Spiegel-TV aus der Sicht eines Politmagazins über das Hochsicherheitsspiel Union Berlin gegen Dynamo Dresden berichtet und auf die Kosten für den Steuerzahler hinweist, bieten Portale wie YouTube die Option, selbstgedrehtes Material aus der Kurve für die Kurve zu veröffentlichen. Wo liegt dein dokumentarischer Ansatz?

Letztlich geht die Idee hinter dem Film auf eigene Erfahrungen als Kind beziehungsweise Jugendlicher zurück, darauf, dass ich im Stadion stand und die Hälfte der Tore nicht gesehen habe, weil ich immer geguckt habe, was in den Fanblöcken los war. Es zieht einfach die Blicke auf sich. So auch die Union-Kurve, die im Film zu sehen ist. Zunächst ist so eine Kurve etwas wahnsinnig Archaisches. Die Dynamiken dort entwickeln eine wahnsinnige Kraft – sowohl wenn man selber drin steht, als auch, wenn man es sich von außen anschaut. Im nächsten Schritt sucht man dann nach der filmischen Gestaltungsmöglichkeit. Man überlegt mit dem Kameramann: wie kann man die Bilder in Film und Schnitt so gestalten, dass eben dieser Aspekt rüber kommt. In diesem Fall also: Die Kraft und die Faszination, die sich aus dem Verhältnis zwischen Masse und Individuum entwickeln. Und natürlich auch das Motiv der Teilhabe, die die Leute im Stadion empfinden, ihrer Auflösung des Ichs in der Gemeinschaft.

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Mit Blick auf das Verhältnis Masse versus Individuum: der Außenstehende empfindet gerade diesen Gesichtspunkt als mindestens paradox, wenn nicht schizophren. Im Leitmotiv des Films heißt es: »Lebe nicht wie die anderen, sei anders«. Im Film wird dieser Individualitätsgedanke bestätigt: »Im Stadion kannste sein wer de willst«. Ebenso deutlich aber ist, dass dies nur im »Rudel« zu haben ist.

Das stimmt, aber das ist kennzeichnet natürlich wiederum jede Subkultur. In dieser Hinsicht funktioniert ein Fanblock nicht anders als ein Punk-Konzert. Und der Torjubel ist halt das Pogo beim Punkrock. Es sind ja letztlich die gleichen Emotionen, die hier bedient werden, es sind die gleichen persönlichen Motivationen, die dahinter stecken. Mit der dahinterstehenden Prämisse, der Emotionalität, hätte ich den Film auch auf einer Antifa-Demo am 1. Mai drehen können. Rein emotional werden hier dieselben Sachen bedient.

Ein Thema der Dokumentation ist sicherlich auch die Vielfältigkeit der Abgrenzungsversuche, die hier zum Ausdruck kommt. Es geht gegen den Westen, von dem Unioner sich nicht kaufen lässt wie gegen Sachsen.

Das gilt ja wiederum subkulturübergreifend. Im Mittelpunkt steht der Ausdruck von Befindlichkeiten. Für manche besteht dieser Ausdruck darin, dass sie Häuser anmalen, für andere wiederum darin, dass sie Skateboard fahren. Für manche ist es der Kirchenchor, für andere wieder das Didgeridoo am Lagerfeuer. Hier handelt es sich demgegenüber jedoch um eine relativ raue Ausdrucksform, sehr martialisch und archaisch.

Man kommt also aus diesem Subkultur-Dilemma nicht raus, aus dem Widerspruch zwischen Individualität und Uniformität.

Ja, und dort wo ich mich momentan aufhalte, im universitären Milieu, da ist es das genaue Gegenteil. Du bist ständig unter Zugzwang, individuell etwas zu leisten, du musst immer kreativ und etwas besonderes sein. Dort sehnen sich die Leute nach einer Gemeinschaft, bezüglich derer sie sagen können: »da sind wir Teil von«. Es wäre wunderbar für die Leute, so etwas zu haben. Sie stehen aber vor dem Dilemma, dass ihre Lebens- beziehungsweise Studiensituation sie in eine andere Richtung zwingt, nämlich allein für sich zu stehen. Und da kommt man zu dem Punkt, dass sich Subkulturen, etwa in den Achtzigern, immer auch stark aus dem bürgerlichen Milieu zusammengesetzt haben.

Es ist viel die Rede von Selbstaufgabe, davon »auswärts zu fahren und das ganze Wochenende unterwegs zu sein«. Dazu gibt es gerade im Fall von Union Berlin die wohl beispiellose Aktion, das Stadion in Eigenregie umzubauen. Nach Vereinsangaben sind hier 140.000 freiwillige Arbeitsstunden eingeflossen. Wenn man sieht, wie viel dort gegeben wird, was glaubst du – als jemand, der die Ultra-Gruppe einige Zeit begleitet hat –, bekommt man zurück? Oder ist hier das Geben das Nehmen?

Ich glaube wirklich, dass es im Gegenzug ganz einfach das Gefühl geht, Teil von etwas zu sein. Das ist der große Wert, der dort entsteht. Man wird Teil einer Gemeinschaft, und zwar einer funktionierenden. Man hat das Gefühl, etwas bewegen zu können und die klaren Regeln und Rituale im Stadion sind natürlich auch eine Art Fixpunkt. Genau dieses Gefühl fehlt ja einem Großteil der Leute heutzutage. Finanzsysteme versteht man auch mit drei Studienabschlüssen nicht. Man kann davon kein Teil sein, weil es sich in anderen Sphären bewegt. Der Lohn also ist die Teilhabe an etwas. Zudem ist es im Falle von Union sicherlich so, dass der Verein es gut macht. Er weiß von dem besonderen Potential, das in der Fanszene steckt. Und die Fanszene hat andererseits großen Einfluss auf die Fan- und Mitgliederabteilung.

Die Kamera ist konsequent vom Spielfeld weggerichtet – auf die Kurve. Als jemand, der den Film nun in der Nachbereitung ein ums andere Mal gesehen hat: Könntest du quasi ein Summenzeichen unter die Kurve ziehen und mit einem Wort zusammenfassen, was hier eigentlich zum Ausdruck kommt?

Da hätte ich ehrlich gesagt Schwierigkeiten, das so runterzubrechen. Das kann ich so nicht sagen. Aber ein ganz wichtiger Punkt ist eine Form von Hemmungslosigkeit. Dieses »Du-Kannst-Sein-Wer-Du-Willst«. Und natürlich spielt dabei auch Körperlichkeit eine Rolle. Beim Torjubel stößt man alles um sich herum weg – ein bisschen wie Krieg oder so, es gibt keine Regeln mehr. Das wäre aber trotzdem nicht die angesprochene Summe.

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Das Rudel
Regie: Alexander Schimpke, Darsteller: Carlo Jelavic, Jan Bormann, Stefan Kochert,  47 Min.





Im aktuellen 11FREUNDE-Heft (#102): Interview mit Uwe Neuhaus und Stadionposter Union Berlin