Admir Mehmedi über Konflikte mit seinem Vater und sein Verhältnis zu Christian Streich


»Admir: Du musst liefern!«

Sie nicht nur Fußballprofi, Hausbauer und gelernter Kaufmann, Sie sprechen auch fünf Sprachen!
Richtig. Ich spreche italienisch, deutsch, französisch, englisch und albanisch.

Hatten Sie in ihrer Kindheit je das Gefühl, in der Schweiz fremd zu sein?
Nein, überhaupt nicht. In der Schweiz ist multikulti normal. Ich habe mich nie als Außenseiter gefühlt, war voll integriert. Außerdem half der Fußball. Ich habe quasi alle Freunde, die ich damals hatte, über den Fußball kennengelernt.

Hatten Sie ein Lieblingsteam?
Ich war AC-Mailand-Fan, früher war Milan mein absoluter Traumklub. Das Tessin liegt an der italienischen Grenze, wir haben immer eher Serie A als die Bundesliga geschaut.

Wer war Ihr Lieblingsspieler?
Andrij Schewtschenko. Mit ihm habe ich später ja sogar sechs Monate in Kiev zusammengespielt!

Haben Sie ihm davon erzählt?
Nein. Ich habe nicht auf dicke Kumpels gemacht. Ich hatte Respekt. Aber geil war es natürlich trotzdem. Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, hatte ihn als Kind verehrt. Und auf einmal stand er neben mir auf einem Trainingsplatz und wir waren Kollegen.

Abgesehen von dieser Erfahrung lief es für Sie in Kiev nicht sonderlich gut. Sie kamen als gefeiertes Talent aus der Schweiz – aber saßen vor allem auf der Bank.
Trotzdem würde ich den Schritt jederzeit wieder so gehen. Ich habe eine andere Kultur kennengelernt, eine weitere Sprache, andere Leute. Außerdem weiß man nach einer schweren Zeit noch mehr zu schätzen, was man an seiner Heimat hat. Gerade, wenn man wie ich in der Schweiz aufgewachsen ist, wo quasi alles perfekt ist. Für mich war es gut, mal etwas anderes zu sehen.

Ist die Art und Weise, wie sich in der Ukraine um ausländische Spieler gekümmert wird, vergleichbar mit dem, was Bundesligisten machen?
Ja. Auch in Kiev gab es zum Beispiel Vereinsangestellte, die sich um mich gekümmert und mich unterstützt haben. Aber eine Sprachbarriere ist nun mal ein Hindernis. In Kiev gab es Serhij Rebrow, der war Co-Trainer und konnte Englisch. Der hat ab und zu für mich übersetzt. Abgesehen davon war es schwer.

Von Kiev wurden Sie 2013 an den SC Freiburg ausgeliehen – und trafen auf Christian Streich. Noch heute bezeichnen Sie ihn als einen »Papa im Fußball«. Warum?
Ich bin zu einer Zeit nach Freiburg gekommen, in der es mir wirklich nicht gut ging. Ich war quasi von der Bildfläche verschwunden. Nach Kiev war ich mit großen Ambitionen gewechselt, als junges Talent, als Nationalspieler. Und hatte es dann sportlich sehr schwer. Ich kannte den Fußball nur noch so: Du stehst auf dem Platz und hast Druck. »Admir«, hieß es, »du musst liefern!« Und nun erwarteten die Leute, dass ich mich bei einem etwas kleineren Klub wie Freiburg auf jeden Fall durchsetzen würde. Denn hätte das nicht geklappt, was wäre der nächste Schritt gewesen? Zurück nach Kiev? Zurück in die Schweiz? Viele Vereine hätten mich auf jeden Fall nicht mehr gewollt. Unterm Strich war es also der entscheidende Moment meiner Karriere. Und dann lief es auch in Freiburg zunächst nicht gut. Ich sollte ein wichtiger Spieler sein, sah aber gleich eine Rote Karte und brachte auch danach keine konstant guten Leistungen. Doch Christian Streich hat an mich geglaubt. Er hatte sich vor dem Transfer stark um mich bemüht und genau dieser Eindruck bestätigte sich nun. Er hielt an mir fest. Er war sich sicher, dass ich es packen würde. Das hat mir imponiert. Denn heutzutage ist es ja eigentlich so: Rufst du deine Leistung zweimal in Folge nicht ab, kommt eben der nächste. Hätte ich Christian Streich und die Leute um ihn herum damals nicht gehabt, wäre meine Karriere wohl in eine komplett andere Richtung gelaufen.


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