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Stadionarchitekturen - Was haltet ihr davon?
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
Hallo alle miteinander,
als langjähriger Fußballfan und Architekt schreibe ich momentan eine
wissenschaftliche Arbeit über die Architektur von Stadien und die Akzeptanz
bzw. die Diskussion unter den Fans. Ihr würdet mir dabei sehr helfen und
eventuell einen Beitrag zur Stadionarchitektur leisten.
Was mich deshalb mal interessieren würde ist:
>>Was haltet ihr generell von den neugebauten bzw. renovierten Stadien?
(Allianz Arena, Veltins-Arena, Westfalenstadion, Imtech-Arena Hamburg etc.)
>>Was würdet ihr bei diesen Stadien als "besondere Architektur" bezeichnen?
>>Was gefällt euch besonders an diesen neugebauten Stadien?
>>Was gefällt euch überhaupt nicht an diesen neugebauten Stadien?
>>Was ist euch besonders wichtig wenn ihr in ein Stadion geht?
>>Wie wichtig ist euch die Architektur bzw. das äußere Erscheinungsbild der
Fußballstadien?
Ich brauche jetzt nicht komplett diese Fragen beantwortet... Es wäre nur
sehr hilfreich wenn ihr euch ungefähr an diesen Fragen orientieren könntet
qwertz3000 Offline
Dabei seit: 29.05.2006
Ich halte da nix von: alles die gleichen, unpersönlichen, atmofreien Geschäftshäuser. Sehen von außen aus wie Shoppingmals. Entsetzlich.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@qwertz3000

Okay. Das ist ein Statement. Kannst du mal sagen, was für dich persönlich ein Stadion ausmacht? Was genau? Kannst du es irgendwie festmachen?
mehmetwirdankendir Offline
Dabei seit: 19.12.2010
Allianz Arena, Veltins-Arena, , Imtech-Arena Hamburg etc.

In drei von ihnen war ich bereits. Ich muss sagen toller Komfort für einen reinen Fußballkunden. Aber alle haben ein Problem. Sie wirken steril und kühl und alle - zumindest von innen - gleich und austauschbar.Bei mir kommt unweigerlich immer wieder der Vergleich Stadien aus dem Kaugummiautomaten auf. Ebenfalls unnötig sind die Zahlkarten.
Oftmals müssen mindestens 10 EUR draufgeladen werden als Mindestverzehr. Die Karte wird dann meistens einem freundlichen Heimfan geschenkt.
Am besten wird m.E. Fußball noch im Stehen erlebt.
Und besagte Stehplätze gibt es eigentlich nicht mehr.
Daher Riesenvorteil für Dortmund.

Riesenkritik an der Allianz Arena. Drei Ringe spalten die Fans.
Es ist kaum möglich in diesem Stadion eine ordentliche Stimmung zu erzeugen. Weder die Löwen noch wir haben das je dauerhaft fertig gebracht. Außer 60 spielt gegen Augsburg oder es kommt zu uns ein echer CL-Kracher. Choreografien werden damit ebenfalls erschwert.

Das Projekt der Kickers aus Offenbach finde ich dagegen sehr lobenswert.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
Den Bieberer Berg finde ich als Projekt auch sehr gelungen!!! Top!

Gibt es denn Möglichkeiten Stadien zu planen, in denen Ihr euch wirklich wohl fühlt und denen Ihr auch architektonische Qualität zusprechen würdet? Welche Merkmale machens denn für euch aus?
mehmetwirdankendir Offline
Dabei seit: 19.12.2010
Mei die alte Leier halt. Ohne Schnörkel, nah am Platz. Ränge steil und durgängig bis nach oben. Der alte Bökelberg mit Vollüberdachung vielleicht.
Jim Panse Offline
Dabei seit: 22.10.2010
Freistehende Tribünen, möglichst steil, nahe am Spielfeld, keine 10 Meter hohen Werbebanden, selbstverständlich keine Laufbahn, keine RockamRing-Stadionbeschallung ... mehr brauchts eigentlich nicht.
Jim Panse Offline
Dabei seit: 22.10.2010
Und ja, unser Stadion wird hoffentlich nen richtig schönes Schmuckkästchen, auch wenn man dem Alten natürlich immer noch hinterhertrauert.
qwertz3000 Offline
Dabei seit: 29.05.2006
Da kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen.

Und ich persönlich mag die etwas kleineren Stadien (bis 30.000 oder 40.000) lieber, aber damit stehe ich wohl eher alleine da.
Andreas Blenke Offline
Dabei seit: 18.06.2009
Endlich bewirbt hier mal ein Forschender nicht einfach einen schnöden Fragebogen, sondern stößt mit ein paar offenen Fragen wirklich mal eine Diskussion an. Dafür schon einmal herzlichen Dank und ein ebensolches Willkommen, Dr. Albert.

Da will ich dann mal gleich ein wenig ausführlicher mittun.

» Mit Arenaarchitektur verbinde ich zuallererst die Geschlossenheit moderner Fußballstadien. Früher gab es halt irgendwann irgendwo mal einen Platz, auf dem gespielt wurde, der war von Hängen umgeben, auf denen die Zuschauer saßen und standen.

Dann wurde an einer Seite eine Tribüne gebaut (zunächst ohne Dach, später mit), dann u. U. noch eine an der Gegengerade und in den Kurven. Dieses ursprünglich organische Wachstum spiegelte sich noch lange in Fußballstadien wieder: vier Seiten mit vier Häusern, die Ecken blieben offen (und wurden oft erst später zugebaut, wenn das Zuschauerinteresse es nahelegte).

Dann kamen die Arenen und man fand sich in einem geschlossenen Kollosseum wieder, manchmal (wie bei Schalke) geht das so weit, daß man sich schon in einer großen Halle wähnt und nicht mehr in einer Freilichsportstätte).

__________

» Schwer zu sagen, was einem generell besser gefällt. Bei guter Stimmung und pickepackevoll sind die Arenen zumindest ein Erlebnis. Da aber die akustische Herrschaft häufig von einer Gruppe ausgeübt wird, die sich um den konkreten Verlauf eines Spiels nicht sehr schert, kann dieser Vorteil sich in einen Nachteil verkehren, man fühlt sich dann manchmal genervt und lautstark belästigt.

Ein an den Ecken (und nach oben) zumindest optisch offenes Stadion kann diesen Effekt meines Erachtens eher abfedern, weil es nicht die sprichwörtliche (Hexen-) Kesselatmosphäre forciert. Ich bin bspw. mal gespannt, wie sich das im Falle des neuen Mainzer Stadions auswirkt, wo sie ja traditionell ein hervorragendes Publikum haben und man sich auch als Gästefan immer gerne aufhielt.

Ich bemühe mich nostalgische Erinnerungen aus den Erwägungen herauszuhalten und verzichte deshalb auf den naheliegenden Vergleich zwischen Bökelberg (schön eng) und Borussiapark (schön neu) — natürlich gefällt es einem auch am Ort großer Erfolge besonders gut.

Was auf jeden Fall an gut geplanten modernen Arenen gefällt: Viele leistungsfähige Toiletten und Stände für Freß- und Biernachschub.

__________

» Häufiger Nachteil neuer Stadien ist ihre Lage außerhalb bewohnter Gebiete. Wenn man nach dem Spiel erst mal beim Shuttle an- oder im Stau stehen muß, bevor man noch auf ein Erfrischungsgetränk für Erwachsene absacken kann, dämpft das ein wenig die Stimmung (z. B. auch in Gladbach); noch schlimmer, wenn das Umland (z. B. von Sinsheim) nicht mal atrraktive Einkehrmöglichkeiten bietet.

Auch die Restaurants in den oder um die Stadien sind selten geeignet, die Stimmung nach dem Spiel aufrecht zu erhalten (oder nötigenfalls zu heben): meist eine grausame Mischung aus Friseusenbistro und Eventbahnhofshalle mit dem ewig gleich schlechten (und ewig überteuerten) Sortiment der immer gleichen Caterer. An die Eckneipe im Viertel reicht nichts heran.

Auch die geringere Verfügbarkeit von Stehplätzen mißfällt mir — mich hält es bei einem spannenden Spiel nur schwer auf dem Sitz, da stehe ich lieber gleich. Auch die vielen Gitter und Sperren überall stören mich sehr (wenn ich auch einsehe, daß sie wohl nötig sind). Trotzdem frage ich mich auch manchmal, ob die Stadionbesucher sich früher auch etwas zivilisierter benahmen, weil sie eben nicht von schützenden Gittern umgeben und von Freund und Feind und Spieler getrennt waren. Es gebärdet sich immer der Hund am wildesten, der weiß, daß die Leine ihn sicher zurückhält. Aber das führt wohl zu weit.

Sehr oft genieße ich die weniger glamourösen Stadien der Amateurligen. Alles eine Nummer kleiner, familiärer und menschlicher. Die Würschtel (und ein regionaltypisches Bier) gibt es oft an einem richtigen Stand. Es besteht noch ein (häufig sehr lustiger) Kontakt zwischen Gästen und Heimfans. Man kriegt die Gegend um einen herum mit, in der der Verein oft noch sehr verwurzelt ist.

Niemand zwingt mich noch zweimal zusätzlich wegen einer Plastikbezahlkarte anzustehen (was ich ohnehin boykottiere) und mir dabei auch noch einzureden, dies sei für mich ein Vorteil. Die ganze Atmosphäre vom Kassenhäuschen bis zum Ordner ist leutseliger und entspannter. Auch so etwas wird beeinflußt durch die Architektur.

__________

» Was ist mir wichtig, wenn ich ins Stadion gehe? Zuallererst eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn ich mit dem Auto anreise habe ich auch kein Problem damit, woanders zu parken und dann mit der Tram zum Stadion zu fahren (nicht so gerne mit einem Shuttleservice, der geht schon öfter mal gehörig in die Hose, Beispiele: Kaiserslautern, Sinsheim, Frankfurt, wo es keinen gibt; besser direkt vor's Stadion mit dem ÖPNV wie z. B. in Frankfurt, Mannheim und Mainz). Ein Stehplatz wäre schön, ordentliche Toiletten und Verpflegung, für die man nicht das halbe Spiel verpaßt, weil man ewig ansteht.

Dann habe ich gerne eine gute Sicht im Stadion aber auch nach draußen (bin ich im Wald oder stehen da Häuser?). Ich mag es gerne etwas kleiner und intimer — die Stimmung kann da genauso gut sein wie in einer riesigen Arena. Danach suche ich gerne noch ein Lokal auf (grundsätzlich lieber Holz und Tuch als Stahl und Glas), was aber bei Auswärtsfahrten meistens durch die schmalen und nicht bedarfsgerechten Pläne der Bahn zunichte gemacht wird (auch deshalb um so wichtiger die gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel).

__________

» Die Architektur eines Stadions ist für mich als Besucher eines Fußballspieles eher zweitrangig in dem Sinne, daß gute Architektur in den Hintergrund tritt, wenn sie funktioniert. Im Zweifel gebe ich also der Zweckgerichtetheit den Vorzug gegenüber der Schönheit eines Stadions. Es sollte ja eigentlich jedes Bauwerk funktional und ansehnlich sein, da man aber das Stadion länger von innen als von außen sieht, sollten die Menschen darinnen nicht nur einen schönen Anblick sondern auch einen schönen Platz bekommen.

Wenn man darüber hinaus noch eine beeindruckende Fassade und architektonische Form hinbekommt — um so besser; mir würde es dann gefallen, wenn die Gestaltung einen Bezug zum Verein hat, und es wäre auch schön, wenn eher der Eindruck eines zweiten Wohnzimmers als der eines Fußballtempels hervorgerufen würde.

Mal ein Negativbeispiel älterer Bauweise: das Frankenstadion in Nürnberg ist ein architektonisch wichtiges Bauwerk, aber für den Fan geradezu eine unerträgliche Folter. Durch die Laufbahn und die Bauweise rückt man sehr weit weg vom Spielfeld, zudem ist die Sicht auf vielen Plätzen unzulänglich. Das insgesamt negative Erlebnis wird noch gesteigert durch überfordertes Personal. So sollte man es nicht mehr machen.

Ich hoffe, damit ist Dir fürs erste geholfen, und es war nicht zu ausschweifend. Ansonsten gerne nachhaken. Man sieht sich bald schon im Pokal. Vielleicht schaffe ich es ja nach Regensburg das wäre schön — mal wieder ein gutes Kneitinger zu mir nehmen.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@Andreas Blenke: Vielen Dank für deine super Antwort! Genau so etwas brauche ich für meine Arbeit. Ich befasse mich dort genauer gesagt mit der "Stadionarchitektur als Mittel zur Architekturvermittlung". Es ist nämlich in meinen Augen wichtig, dass Architekten und Planer zu den ganzen Forderungen nach "Shopping Malls" nicht vergessen, dass sie es für Fans bauen. Für Fans und ihre Emotionen.

Viele Grüße aus Regensburg und vielleicht geht sichs ja auf ein Kneitinger aus (Sehr löblich, dass du ein Kneitinger kennst und schätzt ;-) )
Andreas Blenke Offline
Dabei seit: 18.06.2009
Danke, gerngeschehen. Was interessant wäre: wenn Deine Arbeit fertig ist, kannst Du die uns hier im Forum als PDF-Dokument anbieten? Ich denke, das würde durchaus einige interessieren (und auch zur Teilnahme motivieren).

Der Vergleich mit Shopping Malls sitzt jedenfalls, wäre schön wenn Du Anstöße in eine andere und kreativere Richtung geben könntest.

(Und selbstverständlich wollte ich mich nicht auf ein Bier einladen. Ich war nur bisher noch nie in Regensburg, ohne den Kneitinger aufzusuchen, und geht es nach mir, bleibt das auch so, wenn ich's zum Pokalspiel schaffe!)
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
Natürlich kann ich die abgeschlossene Arbeit am Ende auch gerne als PDF-Download hier anbieten. Definitiv kein Problem!

Die Arbeit richtet sich am Ende an Stadionplaner und Architekten. Denn es ist unübersehbar, dass zum einen die Vereine diese neuen Stadien brauchen. VIP-Logen bringen Sponsorengelder, Namensrechte zu verkaufen auch und letztlich sind die DFB-Auflagen ein Grund warum irgendwann alle Vereine Stadionneubauten anzustreben haben.

Damit am Ende aber auch Stadien dabei herauskommen die von den Fans nicht nur akzeptiert werden, sondern auch gemocht und geschätzt, ist es wichtig uns als Fans (und gewisser Maßen als Hauptnutzer) zu verstehen.

Ich bin Architekt und schreibe diese Arbeit, weil ich der Meinung bin dass dieses Thema zu Stiefmütterlich behandelt wird. Wie leider die gesamte Architektur in Deutschland.
GTEvo Offline
Dabei seit: 14.10.2008
Solange ich Christoph Daum, JürgenKlinsmann, JensLehmann, JogiLöw, OliBierhoff, MV und seine charmante Gattin, FranzivanAlmsiek, Hopp, Zwanziger, MariaHöfl-Riesch und Ehemann MarcusHöfl, die Klitschkos, den Mann vom Checkpoint Charly und seine Frau, VolkerRoth und seine Spiessgesellen(Amerell, Krug..) nicht sehen, riechen, hören kann, ist mir scheissegal ob eine Arena überdacht, nur Stehplätze, ne Tartanbahn noch aussen drum herum hat und Kühe über die Wiese traben...Hauptsache es ist eine STADION und die Bratwurst kommt nicht aus Nürnberg, Rheda und nennt sich Bruzzler.

Arenen werden überbewertet!
Holger
MarcRamone Offline
Dabei seit: 11.03.2009
Da versuche ich auch gerne mal meine Eindrücke zu erläutern. Dazu muss ich das Feld etwas von hinten aufräumen.

Fangen wir vorne an:

(http://www.poignant.de/img/aphrodisias-stadion.jpgFrüher.)
(http://www.uni-due.de/~gev020/images/aphrodisias-stadion01loewenberg.jpg... älter.)
(http://www.tuerkei.citysam.de/fotos-tuerkei-i/suedliche-aegaeis/aphrodis... ist es her.)

Was vermitteln uns solche Bilder? Da gab es mal ein Leben, dort fand etwas wichtiges für viele Menschen statt. Es atmet und riecht nach Historie.

So etwas kann ein Neubau nicht bieten. Er kann trotzdem eines der wesentlichsten Elemente im Fußball fördern: Ambiente.

Ein Stadionneubau sollte den Fußball im Zentrum feierlich zur Geltung kommenlassen.
Das wird schwer bei den finanziellen Machtkämpfen, aber genau da fordere ich Geschick von Architekten und Marketing bzw. Werbestrategen. Eine Monsteraufgabe.

Ein Stadion sollte dem Fußball ein würdiges Ambiente geben, den Fußball im Mittelpunkt präsentieren. Bei modernen Stadien oder speziell Arenen hängt viel vom (ablenkenden) Drumherum ab (Beschallungsanlage) und Wettereinfluss (ein Dach schließt ihn aus) oder die "Innenverkleidung" durch Werbung.

Ein Blick Richtung Tor wirkt oft wie eine Flickenschusterei (2 schräge Banner neben dem Tor (kamerawinkelgerecht), eine flexible mobile Werbewand parallel zur Torauslinie und eine Werbewand direkt dahinter am Zaun.
Da kann auch kein Stadionarchitekt wirksam integrierte und sichtbare Werbeflächen schaffen, wenn die "Innenarchitekten" und Werbestrategen den Fußball ästhetisch regelrecht demontieren und zukleistern.
Aber die Kernaussage ist: Die Ästhetik soll für den Fußball sprechen und das Stadion nicht zu einem Design ala Baumarktwerbung verkommen lässt.

Ein Stadion sollte vermitteln und transportieren können, dass hier und jetzt etwas ganz besonderes stattfindet und kein effizientes Durchscheuchen der Gäste zur Zahlungsabwicklung. Ein Stadion sollte das Gefühl von zuhause oder nennen wir es "Heimat" geben. Der große Dauerkartenanteil ist hier ein großes Indiz dafür.

Es sollte Bodenhaftung bieten und nicht zu luftig wirken. Das wird jedoch mit dem Leichtbau und der transparenten Bauweise meistens erzielt. Das wirkt oft nur wie so ein dünnes Gerüst, etwas "wüst", "schick", "verschnörkelt" oder "schnörkellos" angebracht, aber es wirkt meist steril. Mal so, mal so. Ich verstehe dort die Bauherren, es ist natürlich eine Kostenfrage und leichtes Material bietet heute eine sehr hohe Stabilität.
Ein Architekt mag sagen, das würde diese Epoche exakt wider spiegel. Mir als Stadionbesucher nimmt es aber den Effekt des heimisch fühlens.

Ein paar Erinnerungen wie Stadien auf mich angenehm wirkten:

Ich mochte es immer schon auf ein Stadion zu zugehen, wo in der Ferne bereits das Stadion als Wahrzeichen zu erkennen war. Ganz maßgebend waren dort die Flutlichtmasten.

Gut gelungen war es immer, wenn es von Anfang an eine Fußballatmosphäre versprühte. Auf dem Weg zum Parkstadion Gelsenkirchen oder ins alte Wedaustadion von Duisburg hatte ich dieses Gefühl. Das waren Bauwerke die von der Ferne ganz typisch nach Fußball aussahen, die irgendwie dingfest wirkten, heimisch und auch beim Reingehen eine pure Fußballatmosphäre boten. Hier ganz besonders beim alten Parkstadion, wenn man die Gegengerade entlang ging. Man konnte oberhalb der Ränge entlanggehen und von dort ging es runter in die Ränge und Blöcke. Nur die Haupttribühne war anders. Man sah also von oben ins weite Runde und spürte schon den Spirit. Bis dahin war es klasse. Die Umlaufbahn war nicht gut.
Die neue Arena auf Schalke wirkt komplett anders: Man geht hin und sieht eine Halle (für?), geht man rein fühlt man sich wie im Flughafen auf dem Weg zum Gate mit Shoppingmalls und erst mit Gang durchs Tor zum Block bemerkt man "ein Fußballspiel"! Dann wirkt der ganze Firlefanz wie Videowürfel, die Dachstreben werfen Schatten bei Sonnenschein und die rollbare Betonplatte (für das Spielfeld) steht nicht dafür, dass genau hier an dieser Stelle mal ein historisches Tor fiel, sondern es wird anschließend verschoben und weg ist der Mythos.
Sehr gut gelungen ist allerdings: Die Sicht ist von überall wunderbar.

Die Idee der Mehrzweckhalle ist finanziell völlig nachvollziehbar. Wer mich jedoch als Fußball Fan fragt, dem kann ich nur so antworten.
Das Dach bietet Komfort und Gewährleistung, nimmt jedoch Atmosphäre. Jedes Spiel ist gleich, da die Grundatmosphäre konstant ist. Im Parkstadion erinnert man sich an windige Momente, starken Regen, blendende Sonne oder Schmuddelspiele. Wird diese Wetterkomponente genommen, wird der Atmosphäre etwas genommen. Wetter wirkt auch auf die Zuschauer.

Auf Schalke: Es ist eine Mehrzweckhalle. Der Verein der sich so sehr auf Tradition beruht hat sie sich damit selbst genommen. Es ist nicht das Zuhause vom S04, er ist nur einer von mehreren Gästen im Stadion. Für mich muss ein Stadion zum Verein gehören, zumindest gefühlt. Es muss den Verein repräsentieren. Ich erinnere mich noch wie ich auf dem Stadtplan von San Francisco las "Home of 49ers". DAS fand ich klasse! So soll es sich anfühlen.

Was macht ein Fußballspiel aus? Zu einem großen Teil die Atmosphäre, also das Drumherum! Also kommt es tatsächlich zu einem großen Teil auf die Verpackung an. Diese zu gestalten ist schwer.
Oben wird mit München ein Beispiel gebracht, wie mehrere Ränge die Atmosphäre beeinflussen. Es gibt jedoch Stadien mit noch mehr Rängen und dennoch guter Atmosphäre. Das kommt es auf die Mentalität an. Die muss berücksichtigt werden.

Ich mag ein Stadion, wenn es...

… eine eigenwillige Note hat, Charisma bietet:
(http://imageshack.us/photo/my-images/127/stadion1xu1.jpgKeine Ahnung wo)
oder das Olympia Stadion in Berlin. Trotz Umlaufbahn bietet es einen tollen Anblick.

… Atmosphäre bietet. Die ist ortsabhängig:
(http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Santiagobernabeupanorama... das Beispiel mit 4 Rängen)
Aber der alte Tivoli in Aachen war auch klasse, ahm, mit weniger Rängen. Den Bedürfnissene ntsprechend.

… den Verein repräsentiert. Stichwort Farben:
(http://stadiums.football.co.uk/Images/Photos/Large/8-2.jpgVilla Park)

… gute Sicht bietet, kompakt ist und offen wirkt:
(http://www.anicursor.com/koeln_6186_stadion2.jpgKöln)
Eigentlich nach dem Westfalenstadion mit das beste Stadion meiner Meinung nach, aber auch dort wird mit der Werbung für Flickenschusterei gesorgt und entzieht dem Fußball die feierliche Atmosphäre.

Werbung muss sein, aber die Stadionbetreiber sollten darauf achten, dass sie homogen ist. Auf dem Bild vom Kölner Stadion sieht man wie sehr die Sponsoren alle 4 Meter wechseln. Das ist nix!

Und ... Flutlicht!

Das schwierigste Kapitel: Stehplätze, Stimmung und Sicherheit.

Das wird schwer für Architekten. Man kann keinem Architekten vorwerfen, wenn er sich da an harten und festen Sicherheitsvorschriften halten muss die ihm aufgebrummt wurden, weil es gewaltbereite Zuschauer gibt. Ohne diese könnten sie nämlich viel persönlichere Stadien bauen. Keine Frage. Eine ganz schwierige Aufgabe!

Wichtig:

Nah am Spielfeld
Gute Sicht
Stehplätze sollten zahlreich vorhanden sein.
Gute Verkehrsanbindung und alteingesessene Gastronomie. Ursprüngliches Umfeld.
Ein Stadion sollte eine Begegnungsstätte und keine Abfertigungsstätte sein.
Zum nervigen Kleinkram mit den Kartenzahlsystem schließe ich mich gerne an: Mag ich nicht! Ich lade die nie auf.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
Super Antworten bisher! Danke! Da kann man schon einiges rausziehen.

Sehe ich das richtig, dass die Fans, die jetzt nicht gerade wie ich Architekt sind, mit "Stadionarchitektur" ganz stark "Atmosphäre" verbinden?

Ein Stadion ohne Atmosphäre, kann also noch so sehr eine Architekturikone sein... Wenn die Atmo nicht stimmt ist es einfach nur ein "schnöder Kasten"?

Kann man das so sehen? Oder könntet ihr euch auch vorstellen, dass gute und qualitätvolle Architektur in einem Stadion mangelnde Atmosphäre "ausbügeln" könnte?

Welche Stadien von den "Alten" findet ihr denn schützenswert?
einrudithömmes Offline
Dabei seit: 18.04.2005
Hallo Dralbert,

ich glaube, ganz so einfach ist es nicht. Auch wenn die Allianz-Arena für viele ein solch abschreckendes Beispiel ist wird die "Mehrheit" der "Fans" doch lieber gerne überdacht sitzen als sich bei Regen und Sturm in ein offener Rund unzähliger Regionalligisten zu stellen. Und wenn dann tausendmal über die tolle Atmosphäre fabuliert wird, zu wenig Gästeklos sind schon irgendwie... unschön.

In der Tendenz hängt die "Mehrheit" der "Fans" aber doch an Stimmung, Freude, Hoppsassa und hier bedingen sich Architektur und Verhalten der Zuschauer auch ein wenig. Ich meine es war in Köln, wo im neuen Stadion die Ecken erst nachträglich dicht gemacht wurden, weil die "Atmosphäre" (hier: Gesang und Geräusch) einfach aus technisch Gründen verpufften und siehe da: herrlische Folkolore an wohl beinahe jedem Heimspieltag.

Wenn du also technisch vorgehen willst, dann nimm die Wünsche "reines Fußballstadion ohne Laufbahn", "möglichst geschlossen", "steile Ränge". Aber den Rest wirst du schwer messen können geschweige denn in eine Bauanweisung umsetzen. Manchmal hat man auch einfach Glück und auch so ein hässliches Entlein wie der Gladbacher Borussia Park entfaltet durch das Engagement seiner temporären Bewohner so etwas wie Atmosphäre.

Da der "Fan" jedoch zur Melancholie neigt, wird er in der Regel erst einmal alles neue abwettern werden und sich erst nach und nach in die schnöde neue Welt einfühlen.
einrudithömmes Offline
Dabei seit: 18.04.2005
PS: Schützenswert sind natürlich ALLE halb verwitterten Plätze im Bundesgebiet, welche echten "Traditionsvereinen" zuzurechnen sind... ;-)
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@einrudithömmes

Vielen Dank. Dein Beitrag ist genau das was ich eigentlich genauso erwartet habe. Ich möchte auch keine konkrete "Bauanleitung" schreiben. Ich möchte versuchen zu verstehen, ob Stadionarchitektur bei den Fans als "Architektur" ankommt bzw. ob und in welcher Form es möglich ist mit Fußballfans über dieses Thema zu diskutieren. Und wie es sich hier zeigt, ist die Diskussion darüber mehr als nur ansatzweise möglich. Ich empfinde das Niveau (Architekturbezogen) mit dem hier diskutiert wird nämlich schon sehr hoch.
Orangeat und Sukkade Offline
Dabei seit: 19.04.2010
Kann Andreas und Marc da überall mehr oder weniger zustimmen. Nachhaken möchte ich nochmal bei dem Punkt des "organisch gewachsenen Stadions". Das Gegenteil davon geht mir nicht nur gegen den Strich, sondern könnte, meiner Meinung nach, auch Auslöser sein, weshalb die neuen Arenen so kontrovers diskutiert werden.

Hier muss man auch darauf hinweisen, dass die monetäre Entwicklung im Fußball sich gerade in diesen Stadionneubauten widerspiegelt. Ehemals wurden Stadien nach Vorgabe der Fans errichtet und von dieser Gruppe - Zuschauereinnahmen - wurde auch maßgeblich das Geld in die Kassen gespült. Heute ist es umgedreht: Die Vorgabe liefert der Verein und das Vermarktungsumfeld, in dem er auftritt. (Zweitliga-Stadien werden bereits europapokaltauglich errichtet, für den Fall dass...).
Auch die pauschalen Sicherheitsvorgaben - die beim Europa-League-Teilnehmer in etwa die gleichen wie beim Zweitliga-Abstiegskandidaten sind - verringern das Alleinstellungsmerkmal.

Stehplätze. Ein weiterer Punkt. Ein Fußballfeld ist zunächst mal ein Fußballfeld, bei dem man als Zuschauer an der Seitenlinie steht. All-Seater-Neubaten beschwören den Event-Charakter herauf. Wetterunabhängig und bequem. Ob das ein Land auf Dauer vertragen kann, das sich auf Fritz-Walter-Wetter beruft?

Ich find's wichtig, dass beim Fußball mit der Freiluftkomponente, die den Sport nun mal ausmacht, kokettiert wird. Schalkes Hallenfußball ist das Gegenteil davon und in diesem Sinne sicherlich ein Rückschritt. Es beraubt dem Fußball um eine wichtige Charaktereigenschaft. Komfort beim Fußball bedeutet für mich nicht unbedingt in einer vollverglasten Loge mit Hummer gefüttert zu werden, sondern - genauso wie die Akteure auf dem Rasen - den Bedingungen der Natur wenigstens halbwegs ausgeliefert zu sein. Entsprechend fühl ich mich auf einem Graswall beinahe wohler als auf der Haupttribüne der Imtech-Arena.

Nun forder ich keine naturbelassenen Spielstätten. Aber Zuschauerränge sollten nichts weiter als zweckmäßige Zuschauerränge sein und kein Kino-Feeling aufkommen lassen. Das ist im Grunde genommen das Gegenteil davon, was uns dieser Sport vorlebt.

Zum neuen Stadion-Zeitalter - es wäre einfach schön, wenn sich die Arenen der natürlichen Beschaffenheit des Spiels wieder angleichen. Keine Event-Tempel, sondern Fußballplätze ohne bewirtschaftenden Charakter, gebaut zum Zuschauen ohne Hindernisse und Vorgaben. Keine ramschigen Betonfertigteile für eine Arena aus einem Guss und keine Entfremdung durch Bequemlichkeitsvorgaben. Zumindest ich brauch das nicht. Natürlich - ein Stadion ohne Laufbahn ist geiler, Überdachung ist genauso ok. Mir reichen drei Stehplatztribünen und eine Haupttribüne völlig. Auch möchte ich beim Profi-Fuball nicht gezwungen werden, 30€+ für einen unbequemen Schalensitz auszugeben. Aber das ist mittlerweile eine Vorgabe. Die raren Stehplätze sind durch Dauerkarten blockiert.

Nichts desto weniger, erlebt die Bundesliga ja einen Zuschauerzuspruch von über 40.000 je Spieltag. Irgendwo liegt da ja der Hase im Pfeffer. Vielerorts lobt man Deutschland ja auch für die "modernste Stadionlandschaft Europas". Und ich glaube, genau das ist der springende Punkt. Wir haben mittlerweile eine sehr große Mittelschicht in Deutschland, die sich insbesondere durch Konsum auszeichnet. Und ein Sitzplatz zu errichten, fordert nun mal den höheren Aufwand, gegenüber Stehtraversen. Gut ist, was teuer ist. Und so viele Kunden, die die Bundesliga in den vergangenen 15 Jahren neu angezogen hat, denken in diesem Muster. Kleider machen Leute. Und ich glaube, hier ist eine echte Bewegung entstanden. Die Reichweite des Fußballs heutzutage, der problemlose und bequeme Stadionbesuch (wenn man ein bisschen Geld hat). Ich glaube, den meisten Bundesliga-Fans, geht es um diese Bewegung an sich - nicht um das alte Spiel Fußball und dessen Authentizität.

(Ich schweif schon wieder ab).

Schöne Architektur kann ein Stadion natürlich aufwerten. Aber jedes Geisterspiel in jedem noch so schönen Stadion, verkommt zu einem Spiel ohne Interesse für den Außenstehenden. Behaupte ich mal. Daher wird es immer auf die Gepflogenheiten der Fans ankommen. Ein Stadion wie die Lohmühle in Lübeck wird mit 6000 Zuschauern - sagen wird: 3000 hinter den Toren (ebenerdig aufschüssig) und 3000 auf der Haupttribüne, die damit pickepackevoll aussieht - immer mehr hermachen, als die AWD-Arena mit vergleichbarem Zuschaueraufkommen. Obwohl ich die runde Panorama-Ansicht des Hannoveraner Stadions gelungen finde.

Ich hab' nicht mal was gegen die großen "Volksstadien" (mit Laufbahn), wie sie früher in jeder dt. Großstadt anzutreffen waren und wie es heute noch in Berlin existiert oder ansatzweise in Hannover (oval). Diese Stadien waren für jedermann. Und das Spiel selbst gab die Vorgabe für die Atmosphäre. Heute wird der Perfektionismus vom Verein vorgegeben, dem sich die Fans zu stellen haben.

Ich persönlich steh auch eher so auf die 20.000er-Stadien. Weil das meiner Meinung nach dem durchschnittlichen Stadion einer durchschnittlichen Stadt nahe kommt und sich hier die Stimmung nicht so verliert. Ich war noch nie aufm Betzenberg, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass mir das Stadion dort gefällt. Durch viele Bauabschnitte und den unveränderten Standort, wirkt es auf mich größer und "mächtiger" als z.B. die imtech-Arena, die wieder eine Vorgabe liefert.

Schützenswerte Stadien in Deutschland wird es wohl nicht mehr so viele geben. Zudem kommt hinzu, dass ich als Norddeutscher im Süden nur wenige Stadien bisher besucht habe. Mein Heimatstadion, die Lohmühle, bietet eigentlich alles. Unüberdachte Stehplätze, teilweise ohne festen Untergrund. Eine 15 Jahre alte Haupttribüne, die neuen Anforderungen gerecht wird. Eine alte Holztribüne, die leider etwas verschandelt wurde, durch die Schalensitz-Vorgabe. Außerdem gefällt mir die Ursprünglichkeit des Dreisamstadions. (Na klar, der SC Freiburg erzielt damit geringere Einnahmen, weil man keine erhöhten Vorgaben an die Fans machen kann. Aber sind die Sportclub-Fans tatsächlich unzufrieden mit der Spielstätte?).

Ich mag das Stadion von Eintracht Braunschweig. Weil die Fans es mit Leben füllen und nicht der Verein mittels Vorgabe ("...wollen englische Atmosphäre schaffen!"). Bei Union Berlin in der Alten Försterei, war ich noch nicht. Aber hier zeigt es sich, wie viel Charme ein Projekt haben kann, das auf die Hilfe der Fans angewiesen ist und mit begrenzten finanziellen Mitteln auskommen muss. Während sich der westdeutsche Mittelschichtsbürger halt für den Wert einer halben Eigentumswohnung einen protzigen Wagen aus dt. Landen kauft, repariert der Ossi mit 'ner Haarspange 'nem Plastikclip von einer Toastbrotpackung seinen Trabi. Klar, hat das mehr Charme.
MarcRamone Offline
Dabei seit: 11.03.2009
Man merkt es dieser Diskussion schon an: Ein Stadion ist für uns (Fußballfans) etwas ganz besonderes.

Die Architektur beeinflusst auf jeden Fall das Verhalten und für uns Fußballfans ist das Verhalten maßgebend, denn daraus resultiert die Atmosphäre.

Eine sehr saubere und sterile Umgebung färbt ab. Nach diesem Verhaltensmuster hat z.B. ein Bürgermeister von New York die Stadt sauberer gemacht und zu großen Teilen vom Vandalismus befreit. Das Rezept? Er ließ die schäbigen Gegenden aufpolieren. Folglich sahen sich die Leute in einer schöneren Umgebung und es war schlicht und einfach keine Ambiente mehr für Graffiti, Vandalismus und sorglose Müllentsorgung. In diesen ehemaligen Problemvierteln blieb es sauber!

Zum Fußball aber gehört ene aufbrausende Stimmung dazu und die wird im Keim erstickt, wenn die Umgebung zu sauber und steril ist.
Leider beißt sich hier das Wunschdenken mit den gewaltbereiten Zuschauern.

Ein Grundsatz ist auch:
Ein Fußballfan geht wegen dem Verein ins Stadion und zwar in egal welchem Stadion der Verein spielt. Er geht nicht ins Stadion wegen dem Bauwerk, um dann das Spiel nicht sehen zu wollen. Köder ist immer das Spiel, nie das Stadion.

Stadien die andere ködern haben meistens ein großes historisches Vermächtnis. Einen Ruf, einen Mythos und schick sind sie meistens nicht. Der Bökelberg dürfte hier besonders als ehemaliges Beispiel herhalten.

Ein Stadion ohne Atmosphäre, kann also noch so sehr eine Architekturikone sein... Wenn die Atmo nicht stimmt ist es einfach nur ein "schnöder Kasten"?

Ja!

Wie gesagt, man geht zum Spiel und nicht in eine Bauwerksbesichtigung. Das Stadion sollte als Gebäude aufgabenorientiert sein wie z.B. ein Museum. Ein gutes Museum sieht architektonisch gerne grandios aus, lenkt aber nicht von der ausgestellten Kunst im Innern ab! Im Gegenteil, genug Licht, genügend freie Flächen, damit bestimmte Ausstellungsstücke alleine zur Geltung kommen. Die Bauwerksfarben und Wnkel beeinflussen die Werke nicht.

Ein Stadion sollten den Fußball im Fokus haben. Durch die hohe Anzahl der immer wiederkehrenden Zuschauer, wird der Ort zur Pilgerstätte. Sowas hat (wunschgemäß) gerne "Wohnzimmercharakter". Es sollte pur sein.

Ein aufwändiger oder schicker Stadionbau wäre aber nicht pur.

Aber man darf nicht vergessen, es wurde oben schon erwähnt, die Zielgruppe ist heute eine andere als z.B. in den 80ern . Die Gesellschaft auch, mehr konsumorientiert. Die Stadien erfüllen entsprechend den Zweck. Da geht was verloren: Spirit.
UrmelAusmEis Offline
Dabei seit: 04.01.2004
Okay, hab mich lange gesammelt. Achtung - das wird jetzt lang. Sehr lang.

Zunächst eines vorneweg - ich bewusst nicht alles vor mir gelesen, der Unvoreingenommenheit wegen. Ich werde das aber nach meinem Posting nachholen und vielleicht dann darauf noch einmal reagieren.


Was macht ein tolles Stadion aus, architektonisch?

Ganz klare, einfache Antwort: Eine eigene Note, unverwechselbare Details, ohne aber hierbei gekünstelt zu wirken.

Abschreckendes Beispiel 1: Die Stadien der englischen Dreißigtausenderklasse Southampton/Middlesborough/Reading/Leicester/Derby/etc. Etliche Stadien, die sich abgesehen von der Bestuhlungsfarbe und ein paar Schnörkeln am Dach gleichen wie ein Ei dem anderen. Ich finde leider gerade das Päärchen nicht, aber bei zwei Stadien dieser Art war sogar die Position der Mundlöcher/Aufgänge/etc. nahezu identisch.

Nichts finde ich schlimmer, als als Fan das Gefühl zu haben, eine billige Kopie seine Heimat zu nennen.
Ein Grund, warum ich es Hellmich nie verziehen habe, dass er sich für den Neubau im Dresden mit einer exakten Kopie - nur farblich angepasst - seines Duisburger Stadions beworben hat.


Abschreckendes Beispiel 2: Schnörkel nur der Schnörkel willen finde ich persönlich kein bisschen besser. Daher kann ich mit dem, was sich amerikanische Star-Architekten unter einem schönen Stadion vorstellen, wenig bis gar nix anfangen. (http://www.seatdata.com/images/nfl_bears/1024x768/351.jpgSoldier Field: völlig überbewertet!) Der völlig (http://www.davidluart.com/download/images/NewAnfield1.jpgasymmetrische) , gefeierte (http://www.soccer-wallpapers.net/soccer_wallpaper/virtual_design_of_new_...) : Als Neubau (!) potthässlich.
Form should follow funktion. Not the other way around.


Bei um- oder ausgebauten Stadien hingegen finde ich es schön, beim Blick in die Tribünen die Baugeschichte erkennen zu können. Da muss auch nicht jede Ecke exakt passen, da darf ruhig mal ein bisschen was überstehen oder improvisiert wirken. Großartig finde ich den Innenraum der Stamford Bridge, die gute alte Maine Road habe ich geliebt, in Deutschland wurde die Alm zwar stimmungstechnisch völlig getötet und war finanziell ein Desaster, aber charismatisch sieht sie aus.

Die Königsdisziplin ist es natürlich, wenn der Umbau am Ende zwar aus verschiedenen Tribünen besteht, aber trotzdem noch eine (Achsen-)Symmetrie aufweist. Hannover, K'lautern, Dortmund.


Zurück zu den Neubauten: Hier stehe ich wie gesagt auf ein markantes Design, das aber dennoch aus einem Guss schein, eine Linie konsequent fortführt. Daher gibt es für mich keinen schöneren Neubau als die Allianz Arena. Auch hier wieder nicht falsch verstehen: Ich bin nicht völlig glücklich mit ihr. Für den 1860-Sympathisanten in mir ist sie sogar ein Desaster. Aber dass sie wunderwunderschön ist, von innen wie von außen, das muss ich zugeben.

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Aber jetzt mal weg von den Äußerlichkeiten, Du willst ja für den Fan bauen.

Viele der Ansprüche sind selbstverständlich, Nähe zum Spielfeld etwa, stützenfreies Dach, etc. Bei ein paar Fragen hingegen scheiden sich die Geister: Separate Tribünen oder der "Bowl"? Ein Rang oder mehrere?

Optisch mag ich mehrrangige Stadien. Ich weiß, viele Fans lehnen das ab, als Stimmungstötend. Ich finde, nicht immer zurecht.

Zunächst die Glaubensfrage: Gehören die Fans hinter die Tore? Wenn ja, dann ist dort eine einrangige Tribüne sehr praktisch, oder zumindest ein riesiger Unterrang à la Schalke oder Gladbach. (Zumindest, wenn man findet, dass eine koordinierte Fankurve besser ist als diverse Stimmungsnester - zu der Frage hab ich keine allgemeingültige Meinung. Oft hängt es ja von der Entwicklung der verschiedenen Fangruppierungen ab, da kann man St. Pauli schlecht mit Stuttgart vergleichen.)

Doch was ist mit den Standorten, wo es in der Vergangenheit eine sehr aktive Gegengeraden-Steh"kurve" gab? War es richtig, in Aachen, in Bielefeld, in Cottbus diese Stehplätze hinter das Tor zu verlagern?
Hier hätten zwei Ränge eine Alternative bieten können, so wie ursprünglich in (http://sitemaker.umich.edu/energiecottbus/files/stadion_der_freundschaft...) : 15 Stehreihen unten, 15 Sitzreihen darüber. Die Gegengeradensteher werden nicht auf die billigen Plätze verscheucht, trotzdem neue teure Plätze geschaffen. Positiver Nebeneffekt: Das Stadion sieht im Fernsehen immer gut gefüllt aus, ein nicht zu vernachlässigender Imagefaktor. In Bochum gähnt einen selbst bei 70% Auslastung von der Gegengeraden noch eine weitestgehend emotional befreite Zone an, bei Union Berlin wirkt das Stadion bei 70% Auslastung im Fernsehen pickepackevoll.

Aus diesem Grund hatte in Aachen die den Stadionneubau begleitende Faninitiative ursprünglich ein zweirangiges Stadion gefordert - sie wollten ihre hufeisenförmig über drei Tribünen reichenden Stehplätze beibehalten, zumindest im Unterrang. Dieser Vorschlag wurde aus finanziellen Gründen abgelehnt, was definitiv zulasten der Stimmung ging und möglicherweise sogar ins Geld. Auch in Bielefeld haben die neuen Sitzplätze in Bestlage nur Ärger eingebracht. Wie sich der Umzug in Mainz (wo auf der Gegentribüne des alten Bruchwegs die zwei Ränge - unten stehen, oben sitzen - mit minimalstem baulichen Aufwand geschaffen worden waren) auf Stimmung und Zuspruch auswirkt, bleibt abzuwarten.

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Zweite Glaubensfrage: Separate Tribünen vs. "Bowl"

Komplett separate Tribünen finde ich antiquiert, aber man findet sie heutzutage ja sowieso auch kaum noch an. Ausnahme manche Haupttribünen, etwa in K'lautern, wo ich allerdings finde, dass sie durch den Medien- und Logenturm sehr stimmig mit dem Rest des Stadions verknüpft sind. Ansonsten finde ich: Wenn "separate" Tribünen, dann bitte nur im oberen Bereich. Mit seitlichen Wänden, so wie es herrlich in Köln gemacht wurde, oder durch eine Lücke im Tribünenring, so wie es in Mainz umgesetzt wurde.

Übrigens: Eines der schönsten nicht verwirklichten Stadionmodelle war ein Konzept für Gladbach, erarbeitet zusammen mit IBM Mitte der Neunziger. Vier mehr oder weniger separate Tribünen und trotzdem eine Schönheit. (http://www.google.de/imgres?imgurl=http://image.issuu.com/110413080222-6..., Seite 9, links unten) . Btw. ein sehr empfehlenswertes Buch, das man heute bei Stadionwelt.de nachgeschmissen bekommt.

Beim reinen Bowl kann natürlich schnell Langeweile aufkommen, vor allem, wenn die Dachkante nicht geschwungen ist wie in der Allianz Arena, dem Da Luz oder Emirates. So empfinde ich in Deutschland vor allem den Gladbacher Nordpark als extrem öde, lieblos und billig. Nicht nur, weil das realisierte Modell nach IBM maximal zweite Wahl sein konnte, nicht nur, weil ich immer noch darauf warte, dass man - wie einst versprochen - hinter der obersten Reihe der Oberränge (http://www.stadionwelt.de/sw_stadien/fotos/stadionguides/deutschland/bor... schmucklose Wellblechverkleidung) gegen einen lichtdurchlässigen Ring aus Acrylglas ((http://www.stadionwelt.de/sw_stadien/fotos/stadionguides/deutschland/fri.... K'lautern) ) austauscht. Nein, am meisten stört micht, dass das Stadion keinerlei Hingucker hat, mal ganz unabhängig von der tristen Stuhlfarbe. Keine kleine, nette Extravaganz. Keine Lücke in der Tribüne, keine sanft geschwungene Linie, nicht mal ein paar leichte Bögen in der Tribüne oder Wellen im Dach wie in Hamburg. Kurz: keine "Persönlichkeit". Ein austauschbarer Zweckbau vom Reißbrett und damit nur der große Bruder von Middlesbrough. Oder Southampton. Oder Derby. Oder Leicester. Oder ...
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@MarcRamone: Top Beitrag! Danke für deine Antwort...

Eine sehr saubere und sterile Umgebung färbt ab

Wie empfindet ihr denn den Stadion-Innenraum der Esprit-Arena in Düsseldorf. Wenn man dort in das leere Stadion hineintritt, kommt ja niemals der Gedanke auf man stünde in einer völlig leeren Arena. Zumindest beim ersten Blick fühlt sich das Stadion auf Grund der völlig bunt und wild durcheinander geworfenen Farben der Sitzschalen rappelvoll an. Wird dadurch bereits die Atmosphäre angekurbelt? (Die Esprit-Arena ist dabei jetzt erst mal als Beispiel zu sehen. Sind es mitunter solche Dinge die die Atmosphären bedingen können?)
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@Urmelausmeis: Vielen Dank für diese Umfangreiche Ausführung. Ich finde es wirklich absolut erstaunlich auf welch hohem Niveau hier über Architektur diskutiert wird. In den meisten anderen Foren findet die Diskussion auf einer ganz anderen Eben statt.

Vielen Dank auch für deine Buchempfehlung. Das Buch befindet sich natürlich aber auch schon in meinem Besitz, da ich es zur Weltmeisterschaft 2006 bereits erstanden habe.
UrmelAusmEis Offline
Dabei seit: 04.01.2004
"Wie empfindet ihr denn den Stadion-Innenraum der Esprit-Arena in Düsseldorf."

Ich hab sie nie leer erlebt, außer auf Fotos oder TV-Screens. Der Effekt funktioniert und - so bitter ich das finde und so ungern ich das zugebe - lässt sie mich weniger öde erscheinen als z.B. den Gladbacher Nordpark. Nichtsdestotrotz lehne ich diese Smarties-Anordnung aus Prinzip ab. Sie manipuliert mich, und das mag ich gar nicht.

Darüber hinaus hat mich in Düsseldorf immer dieses rote Blech gestört, das gerade auf der Logen-Etage überall verbaut wurde und den Lego-Effekt noch verstärkt. DAS Plastik-Stadion schlechthin, optisch.
MarcRamone Offline
Dabei seit: 11.03.2009
völlig bunt und wild durcheinander geworfenen Farben der Sitzschalen

Absolutes K.O. Kriterium!!!

Ich hatte extra oben mit dem Villa Park ein Beispiel gezeigt, wie wichtig Farebn sind. Ein Stadion sollte einen Verein repräsentieren und da sind die Farben sehr wichtig!

Die bunten Sitzschalen erinnern jedoch mehr an eine Bus- oder U-Bahnfahrt: Bunte Sitze gegen Schmnierfinken! Eine absolut fürchterliche Ansicht! Viel zu unruhig dazu. Zum Fußball gehört Symmetrie.

Der gewünschte psychologische Effekt es würde weniger leer aussehen, ist gering.
Wie sagt man so schön? Es muss mit Liebe gemacht sein! Farben zum Verein und bitte kein farbliches Randomverfahren.

Wenn austauschbar = nicht gut!

Weil das Thema Tribühnenaufteilung so stark erwähnt wurde:

Ein Architekt sollte auf jede Fall die aktuelle Zuschauerkultur und Mentalität beachten und dementsprechend mit Unter- und Oberrängen oder durchgehenden Tribühnen planen.
MarcRamone Offline
Dabei seit: 11.03.2009
Der Effekt funktioniert

Ja, meinst du?

Ich bin da nicht so ganz von überzeugt. Ich finde diese bunten Sitze sind eines der streitbarsten Tehmen überhaupt, geht total gegen meinen fußballästhetitschen Geschmack.
UrmelAusmEis Offline
Dabei seit: 04.01.2004
"Der Effekt funktioniert

Ja, meinst du?"

Ja. Ausdrücklich: leider!
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@MarcRamone @Urmelausmeis

Das Beispiel Esprit-Arena habe ich gerade deshalb gewählt, weil der Effekt durchaus so gewünscht gewesen sein dürfte. Da finde ichs wieder einmal interessant, dass offenbar ausführende Architekten häufiger an den eigentlich erhofften Stadionkultur vorbei zu planen scheinen.

Um auf die aktuelle Zuschauerkultur und Mentalität eingehen zu können sind genau solche Diskussionen extrem notwendig, da in den Planungsphasen solcher Prestigeobjekte natürlich trotz allen Zwängen und Vorschriften auch der Nutzer, der Fan nicht ausser Acht gelassen werden darf. Denn kein Planer möchte eigentlich, dass sein Stadion als "langweilige Kiste" verschrieen ist.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
@MarcRamone: Symmetrie und der Fußball gehören zusammen? Wie siehst du das Münchner Olympiastadion? Das war ganz und gar nicht symmetrisch. Dies ist ein architektonisch international anerkanntes Bauwerk, welches trotz Laufbahn und relativ flachen Rängen für mich tatsächlich zu den schönsten der Welt gehört.
Dralbert Offline
Dabei seit: 18.06.2011
man muss natürlich auch dazu sagen, dass es in erster Linie ein Leichtathletikstadion ist, in dem auch Fußball gespielt wurde. Und mit den Bayern war hier halt der erfolgreichste deutsche Verein zu Hause, was die eigentliche Nutzung als Athletikstadion ein bischen verzogen haben dürfte.

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