Zwei Nachbarn im Pott

Derby am Gartenzaun

Sie malochten ein halbes Leben zusammen unter Tage und lebten Tür an Tür. Doch Olaf Bock und Heinz Küffhausen streiten bis heute über die entscheidende Frage: Schalke oder Dortmund?

David Klammer
Heft: #
Spezial Nr. 5

Castrop-Rauxel, Zechensiedlung. Das allein kratzt manchem schon im Hals.

Eine ganze Straße mit den gleichen Vorgärten, den gleichen Fassaden, den gleichen Türen, Spitzdach an Spitzdach. Die Bergarbeiter aus der Gegend bekamen früher diese Häuser hier zugeteilt, sie alle hatten den gleichen Job, bekamen den gleichen Lohn, wohnten nebeneinander. Fast ein Abbild einer egalitären Gesellschaft. Am Wochenende wuschen die Männer hier die Autos, aufgereiht die ganze Straße entlang, im Radio lief »Tore, Punkte, Meisterschaften«. Danach große Runde am Gartenzaun bei Pils, Korn und Ernte 23. Jeden Sommer, manchmal schon im März, liegen die Rauchschwaden über den Dächern, nunmehr nicht von den Zechen, sondern von den Myriaden an Holzkohlegrills. Die Siedlung ist ein einziges Barbecue.
Schmelztiegel Garten.

Wenn die Klingelschilder verblichen sind, unterscheiden sich die Hauseingänge eigentlich nur noch anhand der Fahne am Fenster. Blau-weiß oder schwarz-gelb. Die Symbole der Glaubensgemeinschaften, die friedlich nebeneinander existieren. Wobei: Was heißt eigentlich friedlich?

Der Geist der Püttrologen

Olaf Bock öffnet die Tür, vielleicht 1,70 Meter groß, graue Jogginghose, Schalke-Käppi, Schalke-Trikot, eigentlich ist der ganze Mensch Schalke. »Huntelaar« steht hinten auf dem Leibchen. Große Augen, Schnäuzer, untersetzte Figur. Er schreit laut auf, lacht, bittet herein, lacht sich schlapp und redet dann los, auch laut. Es geht direkt um den lokalen Fußball. Hömma, weiße, kennse. Dem sein Bengel pöhlt da auch. Wenn Olaf Bock spricht, dann mit dem ganzen Körper. Das eine Bein auf dem Hocker, das andere wippt auf den Fliesen. Ich guck, Hände auf die Augen, richtig töfte, der Mund küsst Zeigefinger und Daumen, geht nur um hier ..., reibt drei Finger an den Daumen, Tatter, Kohle, Knete, dann Arme in die Höhe.

Es ist, als wäre der Geist eines Napolitaners mitsamt seiner ausufernden Gestik und Mimik in diesen 55 Jahre alten Bergmann aus dem Ruhrpott gefahren. Dabei hat er nur neun Finger, einer ging bei einem Unfall auf einer Baustelle über den Jordan. Bock war jahrzehntelang auf dem Pütt, also unter Tage. Er ist Püttrologe, so sagt man hier, wie alle in dieser Straße.

Jagd auf die Lohntüten

Heinz Küffhausen öffnet die Tür, zusammengekniffene Augen, verschmitztes Lächeln. Er führt den Besucher in das Esszimmer, erst mal eine rauchen. Er erzählt langsam, schaut sein Gegenüber lange an, dann stößt er die Pointe aus, lacht kehlig und zieht genüsslich an der Zigarette. Erst nach einiger Zeit steht er auf, um seine BVB-Devotionalien von oben zu holen, die Fahne, das Hemd, den Autogrammball aus den Neunzigern, Teddy de Beer hat auch unterschrieben. Erstes Spiel mit Dortmund, boah, dreinsechzich - »da ging noch die Lutzie ab, hömma«. Der Vater war auf dem Pütt, da hat Küffhausen keine Wahl gehabt, du gehs aum Pütt, zack, Ende, so war das. Er hat noch auf Zeche gelernt, mit 14 Jahren direkt nach der Schule angefangen. Heute ist er 66 Jahre alt. »Sechs Pütts hab ich mit zugemacht«, sagt er und nickt sich selbst zu. »Sechs.«

Küffhausen senkt die Faust auf den runden Küchentisch und zählt mit den Fingern ab, während er seine Stationen aufsagt. Victor 1/2, Victor 3/4, Zeche Erin, Zeche Waltrop, Monopol in Bergkamen, Auguste Victoria in Marl. Lebensetappen im Revier. Zu jeder einzelnen fällt ihm eine Anekdote ein. Wie die Frauen kurz vor Heiligabend neben dem Pförtner mit Fahrradluftpumpen drohten und den Männern die Lohntüten abjagten. Nur damit die nicht das Weihnachtsgeld in der Kantine versaufen konnten. Wie der Weihbischof zu Besuch auf Zeche war und seinem Kumpel den Schnupftabak wegsniefte. Küffhausen musste den Kollegen zurückhalten, doch der schrie: »Ihr vonne Kirche seid doch alle Verbrecher, ich hab noch ne volle Schicht, wie soll datt gezz gehn?!« Geschichte um Geschichte.

Nur bei einem Thema verfinstert sich die Miene von Heinz Küffhausen: bei Olaf Bock.

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