Zur Überinszenierung des Fußballs

Beinahe echt!

Der Profifußball sucht nach echten Typen und Geschichten. Und hat zugleich große Angst vor ihnen.

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Im Sommer feiert das Wembley-Tor Geburtstag. Fünfzig Jahre ist es dann her, dass Geoff Hurst den Ball gegen die Querlatte des deutschen Tores hämmerte und anschließend Linienrichter Tofik Bachramow zur Mitte deutete, obwohl er die Frage »Drin oder Linie?« auch nicht beantworten konnte.

Seither beschäftigt das Tor, das England zum Weltmeister machte, die Fußballwelt, unzählige Legenden ranken sich um die letzten Minuten der Verlängerung. Zur Geschichte dieses Treffers gehört übrigens auch, dass jüngst die BBC unter Zuhilfenahme moderner Analysetechniken bewies, dass der Ball eben doch hinter der Linie war. Ebenso wie die vorherigen deutschen Untersuchungen, die zuvor unter Zuhilfenahme moderner Analysetechniken bewiesen hatten, dass der Ball eben doch auf der Linie war.

Der verselbständigte Mythos

Das Wembley-Tor ist das prominenteste Beispiel dafür, wie sich ein Mythos verselbständigt. Unzählige andere Geschehnisse werden bis heute auf ähnliche Weise weitererzählt, der Fußball hat sie bisher auf verlässliche und amüsante Weise massenhaft produziert.

Jeder Fan kann aus der Vergangenheit seines Klubs unzählige Schnurren von trinkfesten Trainern, markigen Verteidigern und zwielichten Vorständen erzählen. Der Fußball ist auf all diese kleinen Geschichten dringend angewiesen, um sich selbst als eine der großen Geschichten unseres Lebens zu inszenieren. Er zieht seine Kraft aus den Spielern, Trainern, Fans und Funktionären, aus ihren Charakteren und Persönlichkeiten, aus ihren kleinen Schwächen und großen Ankündigungen, vor allem aber aus den heiteren Momenten, in denen ehrgeizige Fünfjahrespläne und hehre Visionen an der umbarmherzigen Realität zerschellen.

Schön, wenn erfolglose Trainer in Pressekonferenzen zornbebende Wutreden halten und dabei ab dem dritten Satz auf grammatikalische Grund­regeln und sinnvollen Satzbau pfeifen. Oder wenn stockeitle Spieler in Interviews versichern, dass ihnen die Kritik der Medien nichts ausmache, zugleich aber offenbar wird, dass er nach dem Training jeden Zeitungsausschnitt sorgfältig im Leitzordner abheftet.

Große Pläne und kleine Träume

In diesen Augenblicken erinnert uns der Fußball an unser eigenes Leben, an unsere großen Pläne und kleinen Träume. Und sei es nur die Sehnsucht, noch mal ins Ausland zu fahren, ob mit der Familie an den Baikalsee oder endlich einmal mit dem Lieblingsverein im UEFA-Cup.

Der Fußball hat in der Vergangenheit diese Geschichten ungeplant und im weitesten Sinne zufällig produziert, natürlich in der strengen Versuchsanordnung eines geregelten Spielbetriebs einer kommerziellen Sportart. Gleichwohl aber ist es letztlich das pralle Leben mit all seinen Fallstricken, das da stets Regie geführt hat.

Es entstand das, was sich der Profifußball derzeit offenbar immer mehr austreiben möchte: Authentizität. Denn Authentizität beinhaltet immer auch ein anarchisches, nicht planbares Element. Und nichts könnte den Planern in den Verbänden und Vereinen mehr Angst machen als genau das.