Zur desaströsen Bayern-Pressekonferenz

Geht's eigentlich noch?

Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz beschweren sich die Bayern-Bosse über Respektlosigkeit der Medien. Dabei geben sie ein desaströses Bild ab.

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Eine Nummer kleiner ging es dann wohl nicht. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, zitierte Kalle Rummenigge direkt zu Beginn der mit Spannung erwarteten Bayern-Pressekonferenz den ersten Artikel des Grundgesetzes. Niemand wusste im Vorfeld, worum es auf der kurzfristig einberufenen PK gehen würde, und auch wenn man es nach Rummenigges Einleitung hätte denken können: Um Menschenrechtsverletzungen ging es nicht. Viel eher ging es darum, mal ordentlich auf den Tisch zu hauen.

Denn es läuft schlecht beim deutschen Rekordmeister, nach drei Ligaspielen ohne Sieg steht man auf dem sechsten Tabellenplatz, in der Champions League rumpelte sich der Klub zu einem mühsamen Remis gegen Ajax Amsterdam. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Schwächephase nach sechs Jahren erstickender Bayern-Dominanz Thema Nummer eins in den hiesigen Sportmedien ist. Deren Aufgabe ist es schließlich, das aktuelle Geschehen einzuordnen. Ein Trainer, der nicht passt? Ein Kader, der nicht breit genug ist? Eine überalterte Mannschaft? Alles Fragen, über die man diskutieren kann und muss. So weit, so legitim.

Nur knapp an »Fake News« vorbei

Vielleicht ist man es nach besagten sechs Sahnejahren beim FCB einfach nicht mehr gewohnt, dass in Krisenzeiten lebhaft über deren Ursachen debattiert wird. Aber die Angefasstheit, mit der sich die Bayern-Bosse auf der PK präsentierten und die Medienvertreter angingen, überraschte dann doch. Die Altersdebatte rund um Ribery und Robben sei »unverschämt, respeklos und polemisch«, so Rummenigge. Bei der Diskussion um Manuel Neuer haben ihm »die Worte gefehlt«, wie ihm ganz generell der »Anstand« in der Berichterstattung fehle. Rummenigge scheute sich nicht einmal, die Journalisten an ihr Kerngeschäft zu erinnern: »Wir wollen eine Berichterstattung auf faktischer Natur haben.« Zum Un-Begriff »Fake News» war es da nur noch eine falsche Abfahrt.

Ähnlich giftig präsentierten sich Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic, die von Rummenigge übernahmen und die Medienschelte nahtlos fortsetzten. Dumm nur, dass man ganz generell das Gefühl hatte, dass in Fragen des Anstands beim Rekordmeister mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Bosse forderten mehrmals Respekt für ihre Spieler ein, was Hoeneß freilich nicht daran hinderte, Ex-Spieler Juan Bernat an die Wand zu nageln oder seinen ehemaligen Mitarbeiter Michael Reschke den »schlauen Herrn Reschke« zu nennen. Und allzu lang ist es auch noch nicht her, dass Hoeneß den Leverkusener Karim Bellarabi als »geisteskrank« bezeichnete oder Mesut Özil nach dessen Rücktritt aus der Nationalelf verunglimpfte, dieser habe seit Jahren »einen Dreck zusammengespielt.« Respektvoll war das nicht, faktisch außerdem schlichtweg falsch. Auf seine eigenen Respektlosigkeiten angesprochen, meinte Hoeneß lediglich, er hätte wohl lieber »Mist« statt »Dreck« und »geisteskrank« gar nicht sagen sollen. Es sei außerdem etwas anderes, wenn man sich direkt nach einem Spiel äußere. Zumindest seine Kommentare zu Özil, das der Vollständigkeit halber, fielen nicht in Anschluss an ein Spiel.

Dünnhäutig, instabil, kleinkariert

Die moralische Doppelbödigkeit der Bayern mal beiseite, sollte doch den Bossen des größten deutschen Fußballvereins, die zudem schon seit Jahrzehnten im Geschäft sind, klar sein, dass ein Bayern-Wappen auf der Brust nicht davor feit, sportlich bewertet zu werden, ganz im Gegenteil. Das ist der Job der Journalisten, das Recht auf freie Berichterstattung steht übrigens ebenfalls im Grundgesetz, in Artikel 5.  Jetzt will sich der Rekordmeister gegen »herabwürdigende, hämische Berichterstattung« wehren und Gegendarstellungen fordern. »Dieser Verein wird sich jetzt wieder zu einer Einheit in der Öffentlichkeit darstellen, wie sie das lange nicht erlebt haben«, sagte Hoeneß. Tatsächlich wirkte der Verein nie dünnhäutiger, instabiler, ja kleinkarierter als auf dieser PK. Deren wichtigsten Satz sagte übrigens Karl-Heinz Rummenigge, der an einem früheren Punkt der PK fragte: »Geht's eigentlich noch?« Es war der einzige Satz, dem man zustimmen konnte.