Zur blamablen Entlassung von Claudio Ranieri

Kein Platz für Rückgrat

Vor ein paar Monaten war Claudio Ranieri der König der Welt. Jetzt wurde er bei Leicester City entlassen. Eine Schande für den modernen Fußball.

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Es war einmal ein Verein, den kannte niemand. Bis auf die eigenen Fans hat sich für diesen Verein auch niemand so wirklich interessiert. Wie das eben mit Vereinen ist, die mal in den Niederungen der unteren Liga verschwinden und mal in der obersten Liga auftauchen. Trotzdem hatte dieser Verein einen besonderen Fan: den thailändischen Milliardär Vichai Raksriaksorn. 2010 kaufte der den Verein. Im Fußball ein ganz normaler Vorgang, besonders im englischen, wo Vereinsübernahmen ähnlich normal sind wie Niederlagen im Elfmeterschießen.

Vorgestern war dieser Verein im deutschen Fernsehen. ZDF, Mittwochabend, Königsklasse. 2:1-Niederlage in Sevilla, Auswärtstor gemacht, das Viertelfinale ist möglich. Der Verein, den keiner kannte, Leicester City - plötzlich mitten im Scheinwerferlicht. Ein wenig komisch, als würde auf der Theaterbühne plötzlich der eigentliche Statist nach vorne geschoben werden. Doch kann man sich mit diesem Statisten identifizieren. Man fühlt mit und wünscht ihm, dass er alle eines Besseren belehrt, alle Lügen straft und zeigt, dass er zurecht auf dieser Bühne steht. Leicester City in der Champions League also, die ganz große Bühne.

Claudio Ranieri ist passiert

Seit 2010 ist der Verein aufgestiegen, fast wieder abgestiegen und in der größten Liga der Welt, mit der wohl größten Leistungsdichte rund um die Tabellenspitze in einer europäischen Topliga, Meister geworden. Nicht glücklich, nicht am letzten Spieltag, nein: souverän, abgezockt und hochverdient. Das größte Märchen der modernen Fußballgeschichte. Was zum Geier ist passiert?

Claudio Ranieri ist passiert.

Der italienische Trainer jagte mit Leicester mit nur drei Niederlagen in Richtung Titel, vorbei an den Neureichen Manchester City und FC Chelsea, an den Traditionsklubs Manchester United und FC Liverpool, an den Ewigen Verfolgern FC Arsenal und Tottenham Hotspurs. In seinen ersten 46 Spielen kassierte Ranieri mit Leicester nur 3 Niederlagen.



Dabei war Ranieri doch einer, für den man sich nie wirklich interessierte, der nie wirklich bekannt war, der immer ein wenig Statist war im großen Fußballzirkus. Und plötzlich stand er da im Scheinwerferlicht und hatte die Krone auf. Nicht metaphorisch gesehen, nein, Torhüter Kasper Schmeichel hatte die Krone, die den Englischen Meisterpokal schmückt, entfernt und Ranieri auf das lichte Haupthaar gesetzt. Da stand der damals 64-Jährige nun, grinste wie ein kleines Kind, hatte den Pokal in der Hand und die Krone auf. Der Statist Ranieri hatte den Pokal für die Hauptrolle bekommen. Er hatte gewonnen, er hatte es allen gezeigt.

Gestern Abend wurde Claudio Ranieri entlassen.