Zur Beinahe-Sensation im Ruhrstadion

Perfekter Aufbaugegner

Fast wäre dem VfL Bochum gegen den FC Bayern der ganz große Wurf geglückt. Weshalb der Verein daraus lieber keine allzu optimistischen Schlüsse ziehen sollte.

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Der Redakteurskollege Christoph Biermann ist ein Mann von beeindruckender Körpergröße, doch in den letzten Wochen und Monaten machte es den Eindruck, als würde er etwas besser als sonst unter dem Türrahmen hindurch passen. Seine gebückte Gestalt brachten Mitstreiter und Freunde mit der bislang recht unglücklich verlaufenen Saison seines Lieblingsklubs VfL Bochum in Verbindung, zumal Biermann oft in diesem Sinne interpretierbare Sätze vor sich hin murmelte, wenn er die Redaktionsflure entlang schlich: »Ich glaube, dieses Jahr erwischt es uns.«

Dass der Kollege nun ausgerechnet nach dem Pokalspiel des VfL Bochum um einiges lebensfroher wirkt, überrascht insofern, als der Gegner der Bochumer der FC Bayern war. Ein solches Spiel gegen den Rekordmeister, Rekordpokalsieger und was nicht alles kann einem Tabellensechzehnten der zweiten Liga ja durchaus den Rest geben. Schnell tendiert das Resultat gegen zweistellig und der letzte Rest Selbstwertgefühl ist im Eimer. Doch Pustekuchen: Obwohl das Pokalduell am Ende unglücklich mit 1:2 verloren ging, schöpft nicht nur VfL-Freund Biermann daraus frische Zuversicht.

»Wir haben ein Riesenspiel gemacht«

Der FC Bayern München als Aufbaugegner für einen strauchelnden Zweitligisten? Das ist ja mal etwas ganz Neues. Dass im Bochumer Ruhrstadion etwas fundamental aus dem Ruder zu laufen drohte, war nicht nur den Gesichtern von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu entnehmen, die oben auf der Tribüne aus der Wäsche schauten, als hätten sie just festgestellt, dass sich der Vertrag von Sportdirektor Hasan Salihamidzic automatisch um zehn Jahre verlängert hat. Apropos Brazzo: Dessen ebenso rührender wie verzweifelter Versuch, der Münchner Leistung mit Ironie beizukommen (»Wir haben ein Riesenspiel gemacht«), skizziert die Laune der Bayern vielleicht am Anschaulichsten.

Nun hat sich der FC Bayern in den ersten Pokalrunden schon öfter mal schwer getan, man muss da gar nicht zurück bis nach Vestenbergsgreuth schauen. Doch ein 0:1 in Bochum bis sechs Minuten vor Schluss, dazu ein eklatanter Mangel an Torchancen gegen ein Team, das in der 2. Liga zuletzt regelmäßig die Hucke voll bekommen hat, das war dann doch ein bisschen arg viel, als dass sich die Münchner mit dem standardisierten Satz hätten heraus reden können, der Pokal habe halt seine eigenen Gesetze.

Details, die tief blicken lassen

Vielmehr scheint es so zu sein, dass im Kader der Bayern – davon zeugten schon die letzten Bundesligaauftritte – einiges im Argen liegt. Vorfreude auf ein Pokalspiel unter Flutlicht im authentischen Ruhrpott-Ambiente, wie von Leon Goretzka im Vorfeld gefordert? Offenbar Fehlanzeige. Stattdessen eine Reihe von Details, die tief blicken lassen. Keiner, der sich herablässt, den armen Alphonso Davies zu trösten, als der von einer scharfen Flanke zum Eigentor quasi gezwungen wird. Stattdessen ein Thomas Müller, der nach dem späten 2:1 jubelt, als sei er gerade zum zweiten Mal Weltmeister geworden, vermuteter Subtext: »Müsst ihr mich halt öfter aufstellen, ihr Deppen, dann läuft es auch.« Und dazu ein Trainer, der immer öfter an der richtigen Einstellung seiner Mannschaft zweifelt – auch in aller Öffentlichkeit.

All das, und nicht die eher dem massiven Kräfteverschleiß geschuldeten Gegentore in der Schlussphase, sollte den VfL Bochum veranlassen, aus dem partiell rauschenden Pokalabend keine allzu optimistischen Schlüsse zu ziehen. Dies als Warnung an den Kollegen Biermann, obwohl man einem Mann von seinem Format das natürlich nicht explizit sagen muss: Als Gradmesser für das weitere Bochumer Abschneiden in der Liga wird das Spiel gegen den FC Bayern nicht taugen. Dazu war der Gegner, mit Verlaub, einfach zu schwach.