Zum Weltbild von Clemens Tönnies

Wenn’s dunkel wird

Schalke-Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies wird beim »Tag des Handwerks« mit rassistischen Äußerungen auffällig. Inzwischen hat er sich entschuldigt. Doch sein Auftritt dokumentiert ein sich veränderndes gesellschaftliches Klima, in dem gerade Fußball ein Korrektiv sein sollte.

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Clemens Tönnies rühmt sich als ein Mann, der stets klare Kante zeigt. Wenn es bei Schalke nicht läuft, stellt er sich gern mal in den Fanblock. Seht ihr, hier bin ich, einer von Euch. Er pflegt eine Männerfreundschaft mit Wladimir Putin, dem russischen Präsidenten, auch so ein Kerl, der kein Blatt vor den Mund nimmt und vermeintlich furchtlos Kritikern entgegentritt. In der Welt, in der sich schwerreiche Fabrikanten wie Tönnies und autokratische Staatslenker wie Putin bewegen, ist das mit dem Mut allerdings so eine Sache. Schließlich umgibt die Herren stets ein engmaschiges Netz aus Sicherheitskräften und wer Geld und Macht besitzt, der darf sich auch mal das Recht herausnehmen, quer zu denken.

Andere Regeln

Wie verbreitet auch unter einigen Funktionären des deutschen Fußballs die Ansicht ist, dass für sie andere Maßstäbe gelten als für Mann und Frau von der Straße, hat eindrucksvoll Uli Hoeneß bewiesen. Der FCB-Boss hinterzog im großen Stil Steuern, als man ihm auf die Schliche kam, agierte er mit einer unnachgiebigen Salamitaktik und als er überführt und verurteilt war, besaß er noch die Chuzpe zu erwähnen, er habe mit seinem Geld stets viel Gutes getan. Das Bewusstsein, einen Dreck besser zu sein als andere, nach einem eigenen Regelwerk zu leben und Probleme und Fehler im Zweifel mit Geld aus dem Weg schaffen zu können, ist in den Führungsetagen des Fußballs verbreitet. Und damit in einem Sport, dessen Fundament eigentlich Fairplay und Chancengleichheit sein sollte.

Auch Clemens Tönnies, Aufsichtsratchef des FC Schalke 04, lebt in dieser Überzeugung. Als er gestern vor 1600 Gästen beim »Tag des Handwerks« in Paderborn einen Vortrag zum Thema »Unternehmertum mit Verantwortung – Wege in die Zukunft der Lebensmittelerzeugung« hielt, machte er daraus keinen Hehl: »Geld ist das Schmiermittel des sozialen Friedens«, sagte der zweitgrößte Schweine-Schlachter Europas. Er hat seine Lektion gelernt. Vor fast zehn Jahren stellte er aus dieser Haltung heraus bei seinem Herzensverein das innere Wohlbefinden wieder her, als er Schalke mit einem Darlehen aus den Fängen der sogenannten »Schechter-Anleihe« befreite. Tönnies gibt den Knappen seither das sichere Gefühl, wenn der Klub mal wieder in Schieflage käme, könne er die Sache mit seinem Portemonnaie klären. Deswegen ist er noch da, deswegen wird er in seiner hemdsärmligen Boss-Manier ertragen, deswegen wirkt er trotz der schnöden Kontrollfunktion im Aufsichtsrat immer noch, als sei er der heimliche Chef des Klubs.

Drang zur politischen Meinung

Dass Tönnies mit Aussagen manchmal übers Ziel hinaus schießt, wissen alle, die mit ihm zusammenarbeiten. In Interviews mit 11FREUNDE war er stets ein unterhaltsamer, meinungsfreudiger und kontroverser Gesprächspartner, dem die Presseabteilung von S04 bei der anschließenden Autorisierung hin und wieder etwas von seiner Schärfe für die gedruckte Fassung nahm. Dennoch: Gespräche mit Tönnies – parallel zu Hoeneß – haben stets Unterhaltungswert und sind für Journalisten ein oft lautstarkes Vergnügen, nicht zuletzt weil sie von Tönnies’ kernigem Duktus befeuert werden. Mit Hoeneß eint den Schweine-Imperator allerdings auch, dass er sich als erfolgreicher Geschäftsmann berufen sieht, dezidierte politische Meinungen zu äußern und dabei offenbar meint, die großen Probleme der Erde beurteilen und nach dem angelernten Schema lösen zu können.

Wie anders wäre zu erklären, dass Tönnies in Paderborn eine Theorie öffentlich machte, wie der Klimawandel zu bremsen sei. Na klar, als Unternehmer in der Lebensmittelindustrie sieht er höhere Steuern erst mal als kein gutes Mittel an, aber er hatte da eine andere Idee, die ebenfalls mit Geld zu tun hat: Tönnies sagte, man solle lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. Warum? »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen«, erklärte Tönnies, »und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.«