Zum Tode von Michael Tönnies

»Ich bin stinknormal«

Nach dem 6:2 ging es mit ihm allmählich bergab. Am Ende der Saison stieg der MSV ab. Die Räuber verschwanden. Auch Tönnies. Als ich im Sommer darauf das »Kicker-Sonderheft« durchblätterte, blieb ich am Mannschaftsfoto des Wuppertaler SV hängen. Wie ein Fremdkörper wirkte er dort in diesem rotblauen Trikot. Er hatte mich verlassen. Danach verlor ich ihn für viele Jahre aus den Augen. Zum MSV ging ich weiterhin, immer in der Hoffnung, wieder solch einen Moment zu erleben wie damals im August. Vergeblich. Ab und zu hörte ich, Tönnies habe sich zurückgezogen. Es waren nur Stichworte, die übrig blieben. Kneipe. Pleite. Lungenkrank. Und dann kam dieses Interview. Zum 20. Jubiläum des Hattricks. Er erzählte von seinem Leiden, einem Lungenemphysem; bei jedem Atemzug fürchtete er, es könne sein letzter sein. Nur eine Transplantation konnte ihn noch retten. »Aber ich bin ein Angsthase und glaube, dass es sowieso nichts wird«, sagte er. Er hatte sich längst aufgegeben.

2013 kam Michael Tönnies endlich zurück

Nicht so die MSV-Fans. Sie wollten ihre Legende nicht aufgeben. Sie gestalteten ein Album, in dem jeder dem »Dicken« Mut zusprechen konnte. Im Fanforum schrieben sie von ihren Erlebnissen mit ihm, vom Aufstieg 1991, vom Hattrick. Davon, dass sie als Kinder sein wollten wie er. Und ich las mit. Es war, als liege auch ein Teil meiner Kindheit in den letzten Atemzügen, doch ich wusste nicht, was ich ihm schreiben sollte. Es war wie ein Autounfall in Zeitlupe, ich tat nichts, schaute nur zu. Ich las davon, wie sie ihm das Album überreichten. Wie gerührt er war, dass sich überhaupt noch jemand an ihn erinnerte. Und wie er einige Zeit später beschloss, sich doch operieren zu lassen. Es folgte ein anderthalb Jahre dauernder Kampf. Mit unzähligen Untersuchungen, kleinen Hoffnungsschimmern und großen Rückschlägen. Als er nach drei Fehlversuchen 2013 endlich nach der erfolgreichen Transplantation wieder erwachte, jubelte ganz Duisburg. Bis zum Absturz des MSV. Es war der Tag, an dem Michael Tönnies nach Hause zurückkam.

Der Mensch, auf den ich im Sommer 2013 treffe, ist gerade erst dem Tod entgangen und hat sich dennoch die entwaffnende Unbedarftheit eines Kindes bewahrt. Wie schonungslos er über die Fehler seines Lebens redet, über all die verpassten Chancen und falschen Entscheidungen. Ohne zu hadern, stets mit einem Schuss Selbstironie. »Labilität war meine große Stärke«, sagt er.

Er will gar kein Held sein

Es ist wohl zugleich seine größte Schwäche und Stärke, dass er sich selbst nie allzu wichtig genommen hat. So hat er zwar nicht das erreicht, was er hätte erreichen können. So hat er es aber auch geschafft, seine Würde zu bewahren.

Michael Tönnies ist es unangenehm, wenn man ihn mit dem Heldenstatus konfrontiert. »Ich will gar keiner sein«, sagt er, »ich bin stinknormal.« Er ist kein klassischer Held, keiner, der sich aufgelehnt hat. Kein Rebell. Als Spieler war er höchstens ein Verweigerer, der es sich gern so einfach wie möglich machte. Mittlerweile ist er einer von zwei Stadionsprechern beim MSV. Vor jedem Spiel intoniert er auf dem Rasen die Aufstellung gemeinsam mit den Fans. Was sie ihm noch höher anrechnen als seine früheren Tore, ist, dass er sich zurückgekämpft hat. Dass er seinen größten Zweifler bezwungen hat - sich selbst. Und vor allem, dass Michael Tönnies zurückgekehrt ist, als es dem Verein am dreckigsten ging. Denn um zu den Kleinen zu halten, muss man stark sein.

Am 26. Januar 2017 ist Michael Tönnies im Alter von 57 Jahren gestorben.

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Auf der Kippe – Die zwei Leben des Michael Tönnies
von Jan Mohnhaupt
Verlag Die Werkstatt
232 Seiten, 19,90 Euro