Zum Tod von Wolfram Wuttke

Das verrenkte Genie

Wolfram Wuttke wurde nur 53 Jahre alt. Kritiker behaupteten stets, er hätte mehr aus seiner Karriere machen können. Er selber war eigentlich ganz zufrieden. Erinnerungen an ein Interview im Winter 2012.

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Wolfram Wuttke steckte sich noch eine an. Seine Lebensgefährtin sehe es nicht so gerne, wenn er rauche, sagte er, aber sie sei ja gerade nicht da. Also kippte er das Küchenfenster und blies den Rauch durch den kleinen Spalt nach draußen. »Wo waren wir stehengeblieben?«
 
Wir waren bei der Sache mit dem Auto. Herr Wuttke, Sie waren gerade mal 18 Jahre alt, als Sie ohne Erlaubnis den Mercedes von Schalkes Teambetreuer Charly Neumann entwendeten und danach um den Trainingsplatz fuhren, während Ihre Mitspieler sich Medizinbällen zuwuchteten. »Stimmt nicht«, sagte Wuttke und sammelte den Rauch in den Backen. »Stimmt wirklich nicht.«

Wuttke konnte über sich selber lachen
 
Ehemalige Fußballprofis revidieren Fehltritte gerne im Nachhinein, verklären sich zu Vorzeigeprofis, schmücken ihre aktive Zeit blumig aus und machen andere dafür verantwortlich, wenn Dinge schief liefen. Als wir Wolfram Wuttke zum Interview anfragten, hatten wir genau vor solchen Rechtfertigungen Sorge. Wuttke aber blies den Rauch durch den Fensterspalt und sagte trocken: »Es war kein Mercedes, es war ein VW Scirocco.«
 
Als er so dastand, am Küchenfenster, schien er nicht verbittert. Ein bisschen wehmütg, das schon, aber dennoch irgendwie zufrieden, mit sich und der Welt. Dabei hatte er in den Jahren zuvor allerhand mitgemacht. 2000 war bei ihm Brustkrebs diagnostiziert worden, später meldete sein Sportgeschäft Konkurs an, und seine Frau verließ ihn. Doch nun lachte er. Über andere, und auch über sich. In einigen Momenten machte es gar den Anschein, als spreche er gar nicht über sein eigenes Leben, sondern über eine drollige Figur aus seiner Lieblingsfernsehserie. Ach, der Wutti, was der da nur wieder ausgeheckt hat.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
 
Er, der Wutti, war einer der genialsten Spielmacher der achtziger Jahre. Während viele Profis aus seiner Spielergeneration sich die Beine verknoteten, wenn sie einen Pass über 20 Meter schlagen sollten, zirkelte er die Bälle mit dem Außenrist auf die Köpfe seiner Stürmer. Und doch hatte er das Pech, oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Er wechselte zu Borussia Mönchengladbach oder zum Hamburger SV, als die Vereine ihre goldenen Jahre gerade hinter sich hatten. Er kam mit einem Rucksack voller Erwartungen, er sollte der Spieler sein, der einen Umbruch einleiten und eine neue Ära prägen sollte – und weil es nicht sofort klappte, war er der Schuldige. Manchmal zu Recht, manchmal aber nur, weil sonst niemand Verantwortung übernehmen wollte.
 
Immerhin war Wuttke über 14 Jahre als Profi aktiv und machte 299 Bundesligaspiele. Reich wurde er dennoch nicht, denn seine Karriere endete 1993, also just, als der moderne Fußball und all die vornehmen Männer mit ihren dicken Geldkoffern die Bundesliga erreichten. Nun, im Januar 2012, lebte er in dem Städtchen Selm, 30 Kilometer nördlich von Dortmund. Eine bescheidene Wohnung, 60, vielleicht 70 Quadratmetern. Aber auch das schien in Ordnung, schließlich war er wieder im Ruhrpott, dort, wo er wechkam, wo er sich zu Hause fühlte, denn dort rückten sie »in der Kneipe zusammen, wenn alle Plätze belegt waren«.
 
Auf dem Küchentisch lagen zahlreiche Zeitungsausschnitte. Dicke Letter auf Papier: »Wuttke, der Parasit«, »Wuttke, der Lügner«, »Wuttke, der Säufer«. Eine Fußballkarriere, die sich las wie das Protokoll eines Unzähmbaren.

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