Zum Tod von Manfred Amerell

Eine menschliche Tragödie

Amerell leitete insgesamt 94 Bundesligaspiele. Parallel schrieb er Kolumnen und äußerte sich regelmäßig in Interviews zum Schiedsrichterwesen. Manche nahmen spätere Diskussionen und Entscheidungen vorweg. In einem Gespräch mit der »Abendzeitung« sagte er im November 1992: »Ich hoffe, dass wir bald gelbe oder rote Trikots tragen – dann kann niemand mehr schwarze Sau rufen!« Bei einem Auftritt in der DSF-Talkshow »Offensiv« plädierte er im November 1994 für eine Abschaffung der Zeitlupe: »Das ist das größte Problem für uns! Das gehört aus meiner Sicht verboten. Der DFB müsste hier in aller Deutlichkeit in den Verhandlungen mit den Fernseh-Anstalten verbieten, dass Spiel-Wiederholungen in Zeitlupe vorgeführt werden.«
 
Eines seiner letzten Spiele war gleichzeitig der Höhepunkt seiner Karriere: Das DFB-Pokal-Finale 1994 zwischen Werder Bremen und Rot-Weiss Essen.

»Wenn der Schmerz da ist, reagiert er heftig«
 
Ende der neunziger Jahre war Amerell als Fußballfunktionär beim DFB tätig. Er führte etwa die Debatte um zunehmende Härte auf dem Fußballplatz und das aggressive Verhalten von Trainern und Funktionären. Er, der 1992 in einer Partie zwischen Waldhof Mannheim und dem SV Wuppertal fünfmal die Rote und siebenmal die Gelbe Karte gezeigt hatte, konstatierte: »Die Stimmung ist gereizt. Das liegt auch am Geld und der Erwartungshaltung.« Und: »Wir Schiedsrichter haben uns zu viel gefallen lassen. Wir sind nicht die Kasper und Hampelmänner der Nation.« Dennoch reagierte er auch mit Verständnis für die Spieler: »Wenn einer getreten wird und der Schmerz da ist, reagiert er heftig. Das kann man auch verstehen.« Und nahm die eigenen Kollegen in die Pflicht: »Wenn es ein Fehler war, hat man die verdammte Pflicht sich hinzustellen und zu sagen: Es tut mir leid.«

Ausgeschlachtet bis zur Unkenntlichkeit
 
Als ihn am 1. Februar 2010 die Nachricht von Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach erreichte, arbeitete Manfred Amerell als Schiedsrichtersprecher des DFB. Als der Prozess beendet wurde, herrschte in den Medien der Tenor vor, Amerell sei als »Sieger« aus der Affäre hervorgegangen. Was für ein Wort? Der Prozess hatte keine Sieger – er offenbarte nichts weiter als menschliche Tragödien, ausgeschlachtet bis zur Unkenntlichkeit. Zwei Jahre später, im April dieses Jahres, sagte Amerell: »Seit diesem 1. Februar 2010 lebe ich nicht mehr, ich existiere nur noch.« Am Dienstagabend wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Todesursache ist noch unklar. Einen Selbstmord schließt die Polizei aber aus.