Zum Tag der Trinkhalle: Das irre Jahr des BVB

Pokalsieg? Mehr Erleichterung als Freude

Die große Angst – so wie Bayern werden

Es geht zurück in die Dortmunder Innenstadt, vorbei am Phoenix-See, wo einige Spieler wohnen, von Hörde ins Kreuzviertel, hier mischen sich die Generationen. Die Jungen kaufen Blättchen, die Alten schieben Kippen in eine metallene Clubmaster-Cigarillo-Dose. Eine ältere Dame, seit 41 Jahren Dauerkarte, kommt gerade vom Bridge und liefert vor der Trinkhalle am Hotel Drees eine derart messerscharfe Analyse der letzten Saison, dass der komplette »Doppelpass« verstummen würde. Dann spricht sie über Assad und über »Trump, den Tonti«. Tonti ist die pottsche Kurzform von Tontilon und wäre mit »Vollidiot« nur unzureichend übersetzt.

Man müsste ihr einen eigenen Bericht widmen. Doch die Dame will absolut nicht, dass ihr Name und ihr Foto in der Zeitschrift erscheinen. Sie will keine »Fake News« in den »Schmartphones«, wie sie lachend sagt, gerade zum Thema Watzke und Tuchel nicht. Es ist brisant. Die Leute in den Dortmunder Trinkhallen erzählen an diesem Tag sehr viel, doch sie wollen nicht sofort in den Medien auftauchen. Nicht dass jemand sagt, sie wollten sich wichtig machen. Das wäre hier der schlimmste Vorwurf.

Am Abend dieses Trinkhallen-Tages und nach langen Geschichten wird klar, welche Gewichte an den Dortmunder Themen hängen. Und was sie so schwer macht. Trainerwechsel und Streitigkeiten gab es schon häufiger, doch in Dortmund treibt die Fans eine Angst um: Sie wollen nicht werden wie die Bayern. Borussia, das war auch immer der Gegenentwurf zur Schickeria, wo der Erfolg den Alltag bestimmt. In diesem Jahr allerdings flog in Dortmund der erfolgreichste Trainer, da bestimmten Eitelkeiten die Schlagzeilen, da löste selbst ein Pokalsieg nur gedämpfte Emotionen aus. Daniel (»Vorname reicht«), ein 37 Jahre alter Mann mit dunkler Mütze, Rucksack und Vollbart, war in Berlin. »Das bestimmende Gefühl war einfach nur Erleichterung statt Freude. Das hat man am Support gemerkt.«



Ein letzter Besuch am Borsigplatz

Er geht seit 1992 zum BVB und fand die vergangenen Monate einfach nur absurd. „Es ist mir so auf den Pin gegangen. Überall hieß es nur: Wie hoch gewinnen wir?“ Auch er spricht es nicht aus, aber die Frage steht im Raum: Wie viel „Mia san mia“ steckt plötzlich in „Echter Liebe“? Dortmund zehrte jahrelang von dem Gallier-Denken »Wir gegen die Großen«. Nun ist der Klub oben etabliert, und im vergangenen Jahr wirkte es wie »Wir gegen uns selbst«. Als würde Majestix auf Asterix losgehen.

Daniel geht in die Trinkhalle »Kaan Kiosk« direkt am Borsigplatz. Hier wurde der Verein gegründet, hier feierte die Mannschaft den Pokalsieg. Die Gegend ist multikulturell, die obligatorische Frage des Feuilletons »Was ist Heimat?« lässt sich hier aber schnell beantworten. In der Trinkhalle hängt eine große Fahne vom Westfalenstadion, darunter steht: »Heimat«. Daneben ist die Dortmunder Skyline abgebildet, darüber das in der Türkei beliebte blaue Auge gegen den bösen Blick. Daniel holt sich eine Tiefkühlpizza für den Freitagabend und schlägt mit dem türkischen Besitzer ein.

Was er sich für die neue Saison wünscht? »Ich will kein Schickimicki, kein Tiki-Taka. Ich will ehrlichen Fußball und keine Risse im Verein. Dat isset schon. Alles andere is Kokolores.«