Zum Tag der Trinkhalle: Das irre Jahr des BVB

»Unwissen. Dummheit. Arroganz.«

Götze, Kagawa ? Große Fresse, leere Beute

Nicht weit entfernt vom Hotel liegt der Stadtteil Hörde und am Steinkühlerweg eine der ältesten Trinkhallen der Stadt. Das Verkaufsfenster befindet sich links neben der großen Glasfront, in der vergilbte Aufnahmen legendärer Dortmunder Mannschaften hängen. Über dem Kühlschrank thront ein BVB-Schal aus den neunziger Jahren. Der Verkäufer döst links in einer Ecke barfuß auf einer Kiste Bier. Doch nach einem kurzen Klopfen springt er auf, als könne er Usain Bolt noch einige Meter im Sprint abnehmen. Seine grauen Haare erinnern etwas an Rudi Völler, sein Blick ist so starr wie ein Laserpointer.

»Zehn Zentimeter – und wir hätten eine Tragödie gehabt. So wie Manchester United bei dem Flugzeugunglück«, sagt er. Um zehn Zentimeter sollen die Metallstifte der Sprengsätze die Spieler verfehlt haben. Der Besitzer der Trinkhalle will seinen Namen nicht nennen, auch wenn ihn jeder Kunde natürlich mit dem Vornamen begrüßt. »Schreib auf: Ich bin Gigi Riva.« Wie Italiens Star der sechziger Jahre. Dabei kommt der Mann ursprünglich aus Schlesien, arbeitet seit Jahrzehnten in dieser Trinkhalle. Er spricht ohne Pause. Und er liebt Metaphern fast so sehr wie den BVB.



Tuchel?
»Tuchel wollte die Siebenmeilenstiefel von Klopp anziehen. Er hatte aber nur die Schuhgröße von einem Gartenzwerg.«
Watzke?
»Er hat uns aus den Trümmern geholt. Aber das letzte Jahr hat mich enttäuscht. Egal ob dir die Nase vom Trainer passt oder nicht, du musst seine Meinung anhören. Hat er nicht gemacht, bei den Transfers zum Beispiel. Das zeigt?«
Das zeigt was?
»Das zeigt drei Dinge. Schreib auf: Unwissen. Dummheit. Arroganz.«
Aubameyang?
»Hör auf. Was passiert denn mit den Leuten, die weggehen? Sahin, Kagawa, Götze. Was war gewesen? Große Fresse, leere Beute. Ohne den BVB sind sie nur die Hälfte wert. So isset.«

Eine alte Dame schiebt ihren Rollator an den Verkaufstresen. „Hallo, Frau Meyer.“ Sie zeigt drei Finger. Gigi Riva bringt ihr drei Schachteln Marlboro. Dann legt Frau Meyer ihr Portemonnaie auf den Tresen. Gigi schaut durch und kramt einige Münzen hervor. »Frau Meyer, das reicht nicht. Zwölf Euro fehlen. Bringen Sie mir morgen, ja?« Dann holt er vier Feuerzeuge, lehnt sich über den Tresen und lässt sie zusammen mit der Geldbörse in Frau Meyers Handtasche gleiten. Er sagt: »Nagelneue Feuerzeuge. Mit Autogramm von Mick Jagger.«

Der Dortmunder Stadtteil Hörde hing jahrzehntelang vor allem an dem Stahlunternehmen Hoesch und dem Werk Hermannshütte. Im Jahr 2001 wurde es stillgelegt, die Maschinen nach China verkauft. Die Arbeiter blieben zurück, ohne Arbeit. Gigi Riva spricht bei diesem Thema noch schneller. »Schreib auf: Wir waren wie im zwanzigsten Stock und fahren runter in den fünften – und da merken wir, dass die Bremse kaputt ist. Die Politik hat uns hier vergessen. Wir sind gebrochen. Jetzt sind wir Leute hier wie Schnee auf dem Montblanc: Wir schmelzen.«

Doch mit der »dünnen Patte«, also dem wenigen Geld, ist es bald vorbei. Morgen halte er den Scheck in der Hand – Eurojackpot. Er habe die richtigen Zahlen schon eingetragen und dann gehe es richtig ab. In der kleinen Verkaufshalle sind die großen Pläne schon durchgespielt. Die Millionen gehen an drei Vereine: den BVB, na klar, dann den SV Meppen, weil er da auch oft zuschaut – und den VfL Schwerte aus der Nähe. »Da bauen wir ein großes Gelände. Mit Autogramm von Mick Jagger.«