Zum Streik in der Serie A

Ihr liebstes Spielzeug

Der 16. Spieltag der Serie A wird vermutlich ausfallen. Die Spieler streiken, weil die Klubs sie fortan beliebig transferieren wollen und sie nun endgültig zu dem werden, als was sie seit Jahren bezeichnet werden: Spielermaterial. Zum Streik in der Serie AImago Stimmen wir also die alten Klagelieder an. Erzählen wir von einem Spiel, wie es früher einmal war, schimpfen wir auf die verkommene Serie A, die mittlerweile auf der Intensivstation der europäischen Ligen liegt, und empören wir uns über all die Produkte des modernen Fußballs, die perfekt modellierten Athleten etwa, die heutzutage nur noch als Angestellte von Aktien- oder Kommanditengesellschaften über den Rasen hüpfen.

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Immerhin hatten diese in ihrer Funktion als Fußballprofi bisher noch die Möglichkeit, ihre Arbeitgeber bei Vertragsende und entsprechenden Angeboten frei zu wählen. Doch auch das ist nun vorbei. Alles vorbei. Zumindest, wenn es nach den Vereinen der italienischen Serie A geht. Diese hatten schon im September eine Reform der Rahmenverträge angekündigt, wonach sich Profis einem Wechsel nicht mehr verweigern dürfen, wenn sie keine finanziellen Einbußen zu befürchten haben. Zudem könnten die Spieler von der Teilnahme am Mannschaftstraining ausgeschlossen werden. Damals tönte Milans Massimo Oddo auf einer Pressekonferenz der italienischen Fußballergewerkschaft (AIC): »Wir sind es leid, wie Objekte behandelt zu werden.« Und trotzdem: Der von der AIC für den 5. Spieltag angekündigte Streik wurde zum 30. November ausgesetzt. Seitdem wurde beschwichtigt, debattiert und vermittelt – indes ohne Erfolg. Nun soll der 16. Spieltag bestreikt werden, so verkündete die Gewerkschaft in Rom.

Das Seelenheil steht hinten an

Eine groteske Aktion, urteilen die Reform-Fürsprecher, schließlich würden sich die Profis mit ihren Forderungen nach immer aberwitzigeren Gehältern und gleichzeitigem Wunsch nach Autonomie in einer Doppelmoral verlieren. Zudem, so könnte man anfügen, gerieren sie sich doch genau als das, was Massimo Oddo beklagt: als Objekte. Wie schnell küssen sie die Trikots ihrer Vereine, wie schnell aber flüchten sie auch, sobald ein anderer, größerer Verein ruft? Und wie stark üben sie Druck auf ihre Arbeitgeber aus, wenn dieser ihrem Wechselwillen nicht entspricht, sondern auf Erfüllung des Vertrags pocht? So viel Geld, so viel Macht – da sollte doch niemand von einer unmoralischen Objektwerdung sprechen; es müsste doch das Seelenheil, etwas das sich im Profifußball sowieso zunehmend als Luxusgut erweist, hinten anstehen.

Doch gibt es eben auch die Kehrseite. Etliche Reservespieler oder Profis der unterklassigen Ligen bewegen sich auf der Gehaltsskala jenseits von sieben- oder sechsstelligen Beträgen. Zwar besagt die Reform, dass ihnen bei einem Zwangstransfer kein sportlicher Abstieg droht, doch geht es nur darum? Gerade für Spieler, die gelegentlich noch ein paar Euro auf die Kante legen müssen, geht es auch um einen festen Wohnsitz, Planungssicherheit und vielleicht sogar das Gefühl von Heimat – in einem fiktiven Zuhause zwischen den Orten (ein Jahr in Neapel, ein halbes in Mailand, ein paar Monate auf Sardinien bei Cagliari) schwer möglich.

Wie Figuren bei »Stratego«

Lässt man darüberhinaus diese die Lebenssituation der Spieler betreffenden Befürchtungen außen vor, bleibt immer noch das unangenehme Gefühl zurück, sich nun tatsächlich so etwas wie einem Menschenhandel im Fußball anzunähern. Zumal die Reform auch in der Vollendung eines Begriffes mündet, der sich seit Jahrzehnten im Fußballjargon manifestiert hat: Spielermaterial. Schon in den späten sechziger Jahren verwies eine Fußballkritik in Deutschland auf das Problem des marionettenartigen Profis, der sich im Ganzen der Maschine angleiche und nichts weiter sei als eine kalkulierbare Größe, mithin »Spielermaterial« seines Vereins (Theodor W. Adorno: »Es ist unerbittliche Skepsis gegenüber der naiven Unschuld auf grünen Rasen angezeigt«). Die Kritik wurde, sofern sie überhaupt Gehör fand, von Oberen und Fans weggewischt. Fußball, sagte man damals, es ist immer noch Fußball! Ein Spiel! Und so blieb der Begriff über all die Jahre eine rhetorische Nuance, die irgendwann zur Phrase der Manager und Trainer verkümmerte, eine Fußballfloskel, die kaum jemand hinterfragte. Nun also würde dieser Begriff – angelehnt an das Unwort des 20. Jahrhunderts »Menschenmaterial« – seine Konnotation verlieren und unverblümt Gesicht zeigen. Spieler, eh oftmals nicht mehr als Spekulationsobjekte ihrer Vereine, verkümmerten nicht nur als theoretischer Begriff, sondern faktisch zu leblosen Figuren, die man durch ein selbst entworfenes Kabinett schieben kann wie Spielsteine bei »Stratego«.

Schließlich bleibt die Frage, ob die Liga tatsächlich die Folgen einer möglichen Reform abwägt? Schließlich ist arg zu bezweifeln, dass ein Spieler eines ausländischen Vereins vor dem Hintergrund der Reform und im klaren geistigen Zustand zu einem italienischen Verein wechseln wird. Würde man spotten, könnte man meinen, das Ganze wirkt wie jene unsägliche neumodische Option »Nerd« bei U30-Jährigen in westlichen Metropolen: Ich mache mich bewusst hässlich, damit jeder denkt, ich sei in Wahrheit attraktiv. Oder wenigstens interessant. Allein, bei der Serie A wird auch ein Schuss ins eigene Bein niemand mehr als versteckte Schönheit verstehen.