Zum Niersbach-Rücktritt

Verklärung statt Aufklärung

Wolfgang Niersbachs Rücktritt war folgerichtig. Er war für das Amt untragbar geworden. Die Reaktionen der Funktionäre zeigen die Scheinwelt des deutschen Fußballs.

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Wolfgang Niersbach ist zurückgetreten. Das war nach allen Meldungen, Enthüllungen des »Spiegel« und desolaten Pressekonferenzen der vergangenen Wochen keine große Überraschung. Die Fußballwelt allerdings reagierte schockiert, ja fassungslos. Bundestrainer Joachim Löw sagte in seinem Nachruf: »Wolfgang Niersbach war ein wunderbarer Mensch.« Sämtliche Amtsträger stimmten mit versteinerter Miene in die öffentlichen Trauerbekundungen ein und beweinten den plötzlichen und unerwarteten Verlust eines großartigen Präsidenten.

Dies alles verstärkt den Eindruck, dass die deutschen Fußballfunktionäre seit langer Zeit die Augen vor der Realität verschließen und sich ihren Korpsgeist nicht so schnell austreiben lassen wollen. Man müsste sich zuletzt schon auf einer Expedition im Himalaya befunden haben, um jetzt vom Rücktritt ernsthaft schockiert zu sein.

Unfähigkeit im Umgang mit dem Skandal

Dieser Schritt war schlicht unvermeidbar, er war notwendig. Entweder hat Niersbach von all den faulen Tricks, Überweisungen und Ungereimtheiten rund um die WM-Vergabe gewusst. Das wäre schlimm genug – die Indizien und Aussagen dazu sind fast erdrückend. Nicht zuletzt durch Notizen auf einem Briefentwurf, die von Experten klar Niersbach zugeordnet werden. Niersbach hätte die Öffentlichkeit dann mehrmals belogen. Oder aber er hat wirklich, wie er sagt, von all dem nichts gewusst. In diesem Fall hätte er sich über Jahre hinweg von engsten Vertrauten täuschen und düpieren lassen. Wie viel Transparenz und Ehrlichkeit kann dann ein Präsident von seinen Mitgliedern oder Verbänden wie der Fifa fordern, wenn er selbst von den Vorgängen im eigenen Haus so ahnungslos ist?

Selbst wenn Niersbachs Version stimmen sollte, so zeugt alles darin von der Unfähigkeit, mit diesem Skandal umzugehen.