Zum Hoeneß-Ausraster

Alleingang des Patriarchen

Uli Hoeneß kritisiert Trainer Van Gaal scharf und wirft ihm vor, er höre nicht auf die Meinung anderer. Der Bayern-Präsident überrascht damit seinen Verein und riskiert, sich selbst zu isolieren. Zum Hoeneß-Ausraster
Rolf Töpperwien saß neben Uli Hoeneß und blickte aus den bekannt tiefen Stirnfalten heraus ins Studio. Die Augen unter den tiefen Stirnfalten wurden allerdings immer größer. Im späteren Teil der Fußball-Gesprächsrunde beim Fernsehsender Sky musste man davon sprechen, dass der 60-Jährige seine Augen aufriss.

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Der frühere TV-Journalist, der gerne und mit Begeisterung die menschlichen Befindlichkeiten im tosenden Fußballzirkus betonte, erkannte sogleich die Tragweite des Moments. Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, kritisierte seinen Trainer Louis van Gaal. Und das ist einer Art und Weise, die Töpperwien »sogar explosiv« nannte.
Eine Stunde nach dem grandiosen Spitzenspiel in Mainz lancierte Uli Hoeneß seine Angriffe, die in München tatsächlich einschlugen wie tennisballgroße Hagelkörner und noch nicht absehbare Schäden verursachten. Noch während der Sendung erklärte der 58-Jährige, dass dies keineswegs spontan und in einer Art Übersprungshandlung geschah, sondern dass er vorher »einige Minuten darüber nachgedacht« habe, was er hier sage.

Die zweite Reihe muss nach vorn

Was sagte Hoeneß also: Zunächst drückte er seine Verwunderung aus, dass am Freitag mehrere Spieler, denen Trainer van Gaal zuletzt kaum mehr vertraute, die Partie gegen den SC Freiburg (4:2) für seine Bayern entschieden. »Ich finde, man hat die Spieler aus der zweiten Reihe zu lange nicht stark gemacht«, begann Hoeneß, »wir haben ständig darüber diskutiert, dass Spieler wie Demichelis weggehen können, Gomez kann weggehen, Altintop kann weg gehen, Timoschtschuk.« (Demichelis, Gomez und Timoschtschuk schossen gegen Freiburg Tore.) Man könne heutzutage nur Erfolg haben, wenn man alle 20 Spieler bei Laune halte, führte der Präsident weiter aus. »Das ist in der Vergangenheit nicht immer gelungen.« Eine deutliche Schelte an Trainer Louis van Gaal.

Doch dabei beließ es Hoeneß nicht: Er bemängelte eine Aussage van Gaals, dass bei Bayern stets von außen Druck gemacht werde. Er führte an, dass es schwierig sei, mit van Gaal zu reden, dass der Niederländer keine anderen Meinungen gelten lasse. Doch »ein Fußballverein darf keine One-Man-Show werden«. Übersetzt: Van Gaal soll die Entscheidungen mit Vorstand und Präsidium absprechen, soll die dortige Kompetenz einbeziehen. Genauer: Er, Uli Hoeneß, möchte ernst genommen werden und mitreden.

Doch das Verhältnis Präsident zu Trainer scheint erkaltet. Auf die Frage, ob Hoeneß glaube, dass van Gaal seine Kritik annehmen werde, winkte er ab: »Nein, die wird er nicht annehmen. Er wird sie aufnehmen, und wird damit leben müssen.« Hier findet offenbar einer keinen Zugang zum Charakter des selbstsicheren Trainers und geht nun auf Konfrontationskurs.

Zwar sind noch keine Stellungnahmen aus dem Verein gedrungen, doch die inoffiziellen Stimmen besagen, dass der Klub ziemlich überrascht und irritiert ist von den explosiven Worten seines Präsidenten. Mit so einem Angriff hat nun keiner gerechnet. Nach dem sehr mäßigen Saisonstart in der Bundesliga blieb es fast verwunderlich ruhig rund um die Säbener Straße in München, Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge verlängerte zuletzt demonstrativ den Vertrag mit van Gaal bis 2012. Hoeneß' Auftritt bei Sky scheint ein Alleingang zu sein.

Dass der stolze Niederländer und der stolze Schwabe nicht das allerbeste Verhältnis pflegen, klang zwar mitunter durch. So wehrte sich van Gaal gegen die Einmischung des Präsidenten, weil er dessen Fußball-Sachverstand bei weitem nicht so hoch einschätzt wie dieser selbst. Das ärgert Hoeneß offenbar mehr als bislang vermutet. Der FC Bayern München ist das Lebenswerk des ehemaligen Managers. Dass nun der niederländische Trainer die Entscheidungsmacht an sich zieht, passt dem alten Patriarchen nicht. Der ist zwar nun Präsident und hat damit eigentlich das operative Geschäft verlassen, möchte aber weiterhin gefragt, nicht aus dem Fokus gedrängt werden. »Was ich gesagt habe, das ist eindeutig, und es man muss lernen, damit zu leben«, sagte er.

Die Mannschaft steht zum Trainer

Kommt es nun zum Machtkampf in München? Hoeneß dürfte Van Gaal richtig einschätzen, dieser dürfte mit einer derart harschen Kritik nicht einverstanden sein. Doch Hoeneß läuft Gefahr, sich zu isolieren: Weite Teile der Mannschaft stehen zum Niederländer, selbst die Aussortierten wie Timoschtschuk, Gomez oder Demichelis haben bislang noch kein schlechtes Wort über den Trainer verloren und schätzen seine zwar bisweilen harte aber ehrliche Art. Sportdirektor Christian Nerlinger, Nachfolger von Hoeneß, gilt ebenfalls als Van-Gaal-Befürworter.

Und so bleibt von dieser Sendung vor allem der Eindruck, den Rolf Töpperwien passend zusammenfasste: "Da bedaure ich jetzt, dass ich aufgehört habe. Denn das verspricht spannende Zeiten."