Zum Geburtstag von »Uns Uwe«

Dicker

Von einem Superstar, der sich entschied, Mensch zu bleiben. Zum 80sten von Uwe Seeler

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Wie der Tag heute wohl verlaufen wird? Kommt sein alter Sturmpartner Charly Dörfel auf eine Flasche Schampus vorbei? Backt Ilka eine Käsesahnetorte? Ein Spaziergang um die Außenalster? Oder drängt sich die versammelte Journalistenmeute der Medienstadt im Norderstedter Wohnzimmer, um ihm zuzusehen, wie er das Match des HSV gegen den BVB verfolgt, und ihn hinterher zu fragen, was sie ihn, das größte Fußball-Idol in der Geschichte Hamburgs, dieses fleischgewordene Wahrzeichen der Hansestadt, immer fragen, wenn sein Verein schwächelt: »Herr Seeler, machen Sie sich Sorgen?«

Unzerstörbarer Fischkopp-Optimismus

Natürlich tut er das. Seine Empathie und Volksnähe haben ihn zu dem gemacht, was er ist: ein Superstar mit menschlichen Zügen. Ein sportliches Phänomen mit Bausparer-Image. Der nette Herr Seeler von Nebenan. Und doch unterschätzen all jene, die meinen, er wäre nur mehr ein greises Fußball-Faktotum, dem die Sorge um den schlingernden Verein die verbliebenen Lebensjahre stibitzt, seine erdverbundene Zähigkeit und seinen unzerstörbaren Fischkopp-Optimismus.  

Seelers Lebensgeschichte liest sich wie ein Fußballmärchen aus einem Hamburg, das es nicht mehr gibt. Der Spross eines Hafenarbeiters, der selbst erfolgreich für den HSV gespielt hatte. Vater Erwin drängte seine Söhne Dieter und Uwe nie zum Fußball, doch als sie für die Rothosen spielen wollten, sagte er: »Nur damit ihr Bescheid wisst: Weicheier will ich in meinem Haus nicht haben.«

Er duldete keine Angsthasen

Gejammer wurde bei Seelers nicht geduldet, Faulheit mit dem Kochlöffel bestraft. Schon als zarter Jüngling war Uwe in den Straßen von Eppendorf für seinen Ehrgeiz und seine Nehmerqualitäten berüchtigt. Ein Arbeiterjunge, der das Kicken auf den Trümmern der im »Feuersturm« zerstörten Stadt erlernte.

Den Hunger stillte er an den Suppenpötten, die er als Schüler von den Versorgungsstellen zum Vereinsheim am Rothenbaum trug. Obwohl sein Bruder Dieter fünf Jahre älter war, blieb er bei der Wahl der Straßenmannschaften stets länger stehen als der kleine Uwe. Der »Bötz« hatte etwas, das sonst niemand hatte.

»Deine Besessenheit«, formulierte Seelers Teamkollege, Jürgen Werner, später einmal, »ließ dich mitunter deine Umwelt vergessen.« So wie der Vater keine Weichlinge am Esstisch duldete, ertrug Sohn Uwe keine Angsthasen neben sich auf dem Rasen.

Dauerbrenner an der Spitze der Torjägerliste

Als Seeler auf dem Sprung in die Herrenmannschaft war, schuftete er tagein tagaus am Kopfballpendel. Lange vor Horst Hrubesch war er das erste Kopfballmonster des deutschen Fußballs, allerdings eher eins vom Typus »wilder Stier« als ein »Tyrannosaurus Rex« des Strafraums. Mitspieler riefen den gedrungenen Rammbock zärtlich »Dicker«. 

Mit 19 war er auch ohne Gardemaß als Mittelstürmer gesetzt. In der Oberliga Nord wurde er zum Dauerbrenner an der Spitze der Torjägerliste. Und auch als Schützenkönig der ersten Bundesligasaison trug er sich in die Almanache ein.