Zum Geburtstag von Thomas Häßler: Freistoßtraining mit Icke

Icke & Ich

Thomas Häßler war das Jugendidol unseres Autors. Jetzt trafen sie sich zum ersten Mal. Natürlich beim Freistoßtraining. 

Foto: Kike
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Spezial

Die Reportage erschien erstmals im Herbst 2018 im 11FREUNDE SPEZIAL »Die Zehn – Magier und Denker des Spiels«. Das Heft (u.a. mit Inhalten zu Gheorghe Hagi, Krassimir Balakow, Michael Anicic, Thomas Schaaf, Maradona in Meppen, Günther Netzer und Wolfgang Overath) gibt es bei uns Shop. 

»Und du kannst wirklich beim ersten Schuss erkennen, ob einer das mit den Freistößen drauf hat oder nicht?« Ich gucke Thomas Häßler an, er kneift ein Auge zu. Vielleicht weil ihn die Sonne blendet, sie steht schon recht tief hier im Berliner Westen an diesem Abend im August. Vielleicht aber auch, weil er meinen Freistoßversuch lieber nur halb sehen möchte. »Na klar«, sagt Häßler. »Ick sehe doch, wie du die Kugel triffst. Wie du anläufst. Wie du dir den Ball zurechtlegst.« Strenggenommen, denke ich, habe ich mir den Ball gar nicht zurechtgelegt. Sondern ihn eher achtlos mit der Fußspitze angestupst, so dass er zwei Meter von mir weggerollt ist, bis er einfach liegenblieb, 25 Meter vor dem Tor. Mit diesem Anstupser, der so gar nichts mit einem Plan oder mit Kontrolle zu tun hatte, habe ich mich selbst entlarvt. Schon vor dem ersten Schuss habe ich Thomas Häßler, den ich vergötterte, noch bevor ich mir selbst die Schuhe binden konnte, signalisiert: Ich bin ein Amateur. Dann schieße ich.

Der Ball fliegt halbhoch nach rechts weg, macht dann einen kleinen Bogen nach innen, das ist der Dinkelaker-Drall, denke ich, nicht übel, höre ich eine Stimme sagen, die nicht Thomas Häßler gehört, und noch während ich das sage, sinkt der Ball schon wieder herab. Viel zu früh, denke ich, warum bloß jetzt schon? Er tropft sogar noch vor der Torlinie auf dem Boden auf, jetzt hat er quasi gar kein Tempo mehr, der Aufsetzer auf dem hohen Gras hat ihm, dem Ball, jeden Drive geraubt. Er tippt ganz gemächlich an den Innenpfosten und landet von da im Tor. Halb verhungert, wie ein Reporter sagen würde. Nun ja.

Schuhgröße? 38

Ich gucke Thomas Häßler lieber nicht an. Was, wenn er beide Augen zugekniffen hat? Erst mal weg von hier, den Ball aus dem Netz fischen, der Situation entfliehen, da hinten, im Tornetz, sieht die Welt bestimmt ganz anders aus. Ich laufe los. Und Icke Häßler, den ich für diese Reportage dazu überredet habe, mir zu zeigen, wie das mit den Freistößen funktioniert, der Held meiner Kindheit, der Grund, warum ich mit dem Fußballspielen anfing, der Grund, warum ich Statistiken auswendig lernte, nicht wie ein Streber, eher wie ein Autist, also beiläufig und fehlerfrei – Saison 1997/98? 34 Spiele, zwölf Tore, zwölf Assists. Länderspiele? 112. Länderspieltore? 11. Größe? 1,66 Meter. Schuhgröße? 38. –, der Mann, wegen dem meine Mutter 129 Mark für Trikot und Hose des Karlsruher SC hat ausgeben müssen und noch viel mehr Geld für viel weniger funktionale Fanartikel, für Tassen und Schals, für Zahnbürsten und Zahnbürsten-Etuis aus Plastik, dieser Mann steht in meinem Rücken, nachdem ich vor seinen Augen eine Art Freistoßtor geschossen habe, wenn auch ohne Torwart und ohne Mauer, dafür doch aber unter unmenschlichem Druck, dieser Mann, der mir mit einem abschätzigen Kommentar jegliches Selbstbewusstsein rauben oder mich mit einem Lob von einer späten Profikarriere träumen lassen könnte, steht da und sagt: nichts.

»Dann kann ick noch in Ruhe eine tanken« 

Eine knappe Stunde zuvor fährt Häßler mit einem Kleinwagen auf die Sportanlage von Berlin United. Im Auto läuft Rockmusik, man hört es von draußen. Er ist hier Cheftrainer der ersten Mannschaft, siebte Liga, Amateurfußball. Er steigt aus. Die Hose kurz, das Shirt rot und mit Initialen gesichert, der rechte Arm von einem Tribal-Tattoo überzogen, der Gang gemütlich, der Körper klein und drahtig. Gleich werde ich ihm zum ersten Mal in meinem Leben die Hand schütteln. Lieber würde ich ihn direkt umarmen. Wir sagen Hallo. Ich bin etwas angespannt, denn noch hat der Platzwart das Tor nicht freigegeben, noch ist es am Spielfeldrand angekettet. Aber um die Freistöße und die Fotos zu schießen, so wie es geplant ist, brauchen wir das Tor.

Hoffentlich ist Häßler nicht in Eile. »Sorry«, sage ich, »aber wir müssen noch kurz auf den Platzwart warten.« »Kein Thema«, sagt Häßler und lächelt. »Der ist nicht von der janz so fixen Sorte. Aber macht ja nüscht, dann kann ick noch in Ruhe eine tanken.« Er begrüßt zwei Kumpels, die vor der Vereinskneipe sitzen, und steckt sich eine Zigarette an. Es gibt Menschen, die müssen nicht viel machen und man fühlt sich in ihrer Anwesenheit wohl. Icke Häßler gehört dazu. 


Foto: Kike

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