Zum fünften Gedenktag an die Schande von Port Said

»Lass ihn liegen, der ist tot«

Heute vor fünf Jahren wurden in Port Said 72 Fans von Al-Ahly Kairo umgebracht. Unser Autor hat die Ereignisse rekonstruiert und mit Überlebenden gesprochen. 

dpa
Heft: #
183

HINWEIS: Dies ist nur ein kurzer Auszug aus unserer Titelgeschichte. Die gesamte Reportage »Märtyrer aus der Kurve« lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der 11FREUNDE #183.

Mehr Hintergundinfos zu den Geschehnissen von Port Said und Interviews mit Ultras findest Du hier >>>

»Das ganze Spiel verlief chaotisch, schon der Anpfiff verzögerte sich um eine halbe Stunde. Und obwohl Al-Masry zur Pause mit 1:0 führte, stürmten einige heimische Fans den Platz und versuchten, zum gegnerischen Block zu gelangen. Bei Spielende, die Gastgeber hatten 3:1 gewonnen, kamen sie wieder. Erst sah es wie eine wilde, aus der Fassung geratene Siegesfeier aus, bei der die heimischen Fans den Spielern aus Kairo nachjagten, um ihnen Tritte und Schläge zu versetzen. Doch dann wendeten sie sich der Gästekurve zu, dazwischen zwei Reihen behelmter Polizisten. Und Ungeheuerliches geschah.


Die Polizisten traten zur Seite und erlaubten den Sturm auf die Gästekurve. Die Fans von Al-Masry schossen zunächst mit Feuerwerkskörpern, holten dann Knüppel hervor, Macheten so lang wie Unterarme, abgebrochene Glasflaschen. Dann erlosch das Flutlicht.

Niemand würde rauskommen

An dieser Stelle, da Fürchterliches bevorsteht, will Ahmed Shawkat, der damals mit den Ultras von Al-Ahly in Port Said war, noch vom 27-jährigen Yussuf Muhamed erzählen, einem der ältesten und erfahrensten Fans in der Kurve. Noch ungewöhnlicher war, dass er Ultra und zugleich Polizist war, niemand auf seiner Arbeitsstelle durfte das wissen. Muhamed war in der 75. Minute auf die Toilette gegangen, und als er kurz danach in die Kurve zurückkehren wollte, stellte er verblüfft fest, dass das Tor am Ende des Treppenhauses verschlossen worden war. Es ist bis heute nicht klar, ob dieses Tor mit einem Vorhängeschloss abgeschlossen oder sogar zugeschweißt wurde. Eines aber steht unzweifelhaft fest: der einzige Ausgang der Gästekurve war nun blockiert. Niemand würde rauskommen.

Als das Licht im Stadion ausging und die Bewaffneten über die Zäune in ihre Kurve stürmten, war Shawkat sofort klar, dass es sich hier nicht um eine aus den Fugen geratene Fußballschlägerei handelte. Er vermutet, dass sich unter die Fußballfans auch Schläger des Regimes gemischt hatten. »Das Ziel war jedenfalls ganz klar, uns umzubringen«, sagt er. In der allgemeinen Panik schlug er kurz vor dem Treppenhaus zum Ausgang hin und fiel aufs Gesicht – dann stellte er sich tot, während um ihn herum das Sterben begann.

»Lass ihn liegen, der ist doch schon tot«

Fans wurden erstochen und erschlagen. Sie wurden über die Brüstung am Rand der Tribüne geworfen und schlugen unten auf dem Asphalt auf. »Es kam jemand und wollte mich an den Haaren hochziehen. Aber ein anderer sagte: 'Komm, lass ihn liegen, der ist doch schon tot.'«

Die größte Todesfalle jedoch wurde das Treppenhaus, Hunderte flohen voller Panik hierhin. Dort prallten sie auf das verriegelte Tor, wurden gegen das Gitter gepresst, stürzten übereinander. Auf der anderen Seite stand immer noch der Polizist Muhamed. »Ohne ihn wären wahrscheinlich doppelt so viele Menschen gestorben«, sagt Shawkat. Verzweifelt versuchte er, das Tor zu öffnen, obwohl ihm klar gewesen sein muss, dass er erdrückt würde, wenn es ihm gelänge. Dann öffnete es sich. Mit 27 Jahren war Yussuf Muhamed das älteste Todesopfer, seine Frau erwartete ein Kind.

Dies war nur ein kurzer Auszug aus unserer Titelgeschichte. Die gesamte Reportage »Märtyrer aus der Kurve« lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der 11FREUNDE #183. Außerdem im neuen Heft: Vedat Ibisevic, Chicharito, Andries Jonker und Uwe Bein. 11FREUNDE #182 - jetzt überall im Handel oder als digitale Version hier:

iTunes-Store: http://apple.co/1MxqXTT
Goggle-Play-Store: http://bit.ly/1WSDrvd
11FREUNDE-Shop: http://bit.ly/2ks8cvw

Mehr Hintergundinfos zu den Geschehnissen von Port Said und Interviews mit Ultras findest Du hier >>>