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Zum Derby zwischen Preußen Münster und Osnabrück

Rebellen ohne Grund

Um 14 Uhr steigt in der 3. Liga das Derby zwischen den Erzfeinden Preußen Münster und dem VfL Osnabrück. Dabei haben die Klubs viel mehr Gemeinsamkeiten, als ihnen lieb ist.

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Hinweis: Dieser Text erschien im April 2018. 

Von der Westtribüne schallt es »Müünsster«, die Ostkurve echot schlechtgelaunt »Scheeiissse«. Überm Stadion an der Bremer Brücke scheint die Sonne, doch die Temperaturen liegen nur knapp überm Gefrierpunkt. Und jetzt, kurz vor dem Schlusspfiff, wird es auf den Rängen noch eisiger. Der VfL Osnabrück ist im Begriff, sein Heimspiel gegen den ungeliebten Rivalen aus Münster mit 0:1 zu verlieren. 11 090 Besucher werden Zeuge einer Partie, die in jeder Sequenz die sportliche Situation der beiden Kontrahenten widerspiegelt und sich mit einem Wort zusammenfassen lässt: Abstiegskampf. 

Pure Angst beherrscht an diesem Sonntag im März 2018 ein Duell, bei dem sich unparteiische Betrachter über weite Strecken fragen, ob sich dort auf dem Rasen wirklich professionelle Fußballer zusammengefunden haben oder 22 Clowns aus dem regionalen Wanderzirkus, die Klubtrikots tragen. Spieler schießen sich den Ball selbst an den Kopf, stolpern über die eigenen Beine oder ballern aus unmittelbarer Tornähe in die Wolken. Einem Akteur droht ein Platzverweis, weil er trotz Verwarnung für eine dreiste Schwalbe noch ein weiteres Mal im Strafraum ohne Fremdeinwirkung wie eine morsche Fichte abknickt. 

Bild: Sebastian Wells

In einem Match, das keinen Sieger verdient, entführt am Ende Preußen Münster drei wichtige Punkte. Und für alle Mitgereisten auf der Westtribüne ist das Klassenziel damit übererfüllt. Schließlich ging es in diesem Aufeinandertreffen noch nie um attraktiven Fußball, um wirtschaftlichen Aufstieg oder gar um Titel, sondern seit jeher lediglich um die leicht versponnene Frage, wer in diesem Planquadrat von knapp 50 Kilometern Durchmesser die fußballerische Vormachtstellung besitzt. 

Der Block der Auswärtsfahrer, die in ihren dunklen Hoodies weniger nach fröhlicher schwarz-weiß-grüner Fanfolklore aussehen, sondern eher wie der schwarze Block an der Spitze eines Protestmarschs, wird nun fast übermütig: »Hört ihr das Gestöhne? Osnabrücker Hurensöhne!« 

Duell unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen

Doch kein fieser Schlachtruf kann darüber hinwegtäuschen, dass der Hass zwischen beiden Lagern nicht mehr ganz so fundamentalistisch gelebt wird. Das Derby findet seit Jahren unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Am 10. September 2011 war beim Spiel in Osnabrück ein Sprengsatz im ehemaligen Kabinentunnel detoniert und hatte 33 Menschen teilweise schwer verletzt. Der Täter, ein Hooligan aus den Reihen der Münsteraner Ultras »Curva Monasteria«, wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil es das Gericht als erwiesen ansah, dass er mit seinem Geschoss in eine Gruppe VfL- Fans gezielt habe. Gutachter waren sich einig, dass Menschen gestorben wären, hätte der Werfer sein Ziel erreicht.

Die Gewalttat 2011 war ein Fanal in einem sich über die Jahrzehnte stetig verschärfenden Konflikt, für den es nachweislich nie einen Auslöser gab. Die beiden Städte, in denen 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, passen nicht so recht ins klassische Derbyschema, bei dem sich meist zwei Vereine aus einer Region gegenüberstehen, die sich entweder vom gesellschaftlichen Background oder vom sportlichen Erfolg her diametral unterscheiden. Zudem sind Münster und Osnabrück – anders als Gelsenkirchen und Dortmund – zwei lebenswerte Städte mittlerer Größe mit einem soliden Pro-Kopf-Einkommen und kulturellen Gegebenheiten, die auf den Fußball und seine identitätsstiftende Wirkung nie wirklich angewiesen waren. Hinzu kommt, dass beide trotz der geringen Distanz in zwei Bundesländern liegen, so dass die Teams in unterschiedlichen Oberligen kickten und echte Derbytradition erst in der Spielzeit 1974/75 aufflammte, als die Klubs in der zweiten Liga Nord aufeinandertrafen.