Zum Copa-Libertadores-Finale

Ungebändigtes Monster

Das Copa-Finale zwischen River und Boca war chaotisch, dramatisch, sensationell. Warum man es trotzdem nicht romantisieren darf. 

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Natürlich war das groß, gigantisch sogar. Ein Epos von einem Fußballspiel mit wilden Zweikämpfen, schamlosen Mörderfouls, wilden Schauspielereien und Rudelbildung im Minutentakt. Es gab erstaunlicher Weise nur einen Platzverweis und den erst in der 93. Minute, Spurenelemente von echter spielerischer Größe, die zu atemberaubend herausgespielten Toren führten und wechselnder Führung. Bocas Juniors Torhüter verließ beim Rückstand schon sieben Minuten vor Schluss seinen Kasten in Richtung gegnerisches Tor, seine Mannschaft traf in der Nachspielzeit der Verlängerung noch den Pfosten. Dann schoss River Plate ein Empty-Net-Goal, das die Fans des Klubs noch mehr durchdrehen ließ als die der Eintracht beim Pokalsieg gegen die Bayern in diesem Sommer. Das entscheidende Finalspiel der Copa Libertadores 2018 war ein grandioses Spektakel - und ein Drama.

Argentiniens Staatspräsident Macri, der das vermutlich nur deshalb geworden ist, weil er mal Präsident der Boca Juniors gewesen ist, hatte vor Beginn der Endspiele der beiden größten Klubs des Landes gesagt: »Der Verlierer wird 20 Jahre brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen.« Vermutlich ist die Sache nach all den Vorfällen um die beiden Partien zwischen River und Boca noch schlimmer. Der gesamte argentinische, ja südamerikanische Fußball wird nämlich lange brauchen, sich davon zu erholen.

Diesem Wunsch sollte man besser nicht nachgeben

Man ist manchmal versucht, sich nach dem faszinierenden Irrsinn und der ungebremsten Emotionalität dieses ungentrifizierten Fußballs zu sehnen. Er ist nicht erstickt in kommerziellen Denken, durchkalkuliert und weichgespült. Aber: Diesem Wunsch sollte man besser nicht nachgeben. Denn leider fehlt dem Tribalismus des Fußballs in Argentinien jedes selbstironische Element. Seit Jahren sind in Argentinien keine Auswärtsfans mehr zugelassen, weil sie sich sonst gegenseitig umbringen würden. Die aufregenden Fankurven sind mafiös struktutrierte Gangsterbanden, die ihr Geld auch als Schlägertrupps in politischen Auseinandersetzungen verdienen. Der Staat ist seit Jahrzehnten nicht dazu in der Lage, diese Probleme zu lösen.

In diesem Zusammenhang sind die Partien zwischen den Boca Juniors und River Plate zu einem Monster geworden, das niemand mehr bändigen kann. Wenn man über Jahrzehnte immer wieder behauptet, dass der Ausgang dieser Spiele von existenzieller Wichtigkeit ist und das heute mit den Mitteln sozialer Medien noch potenziert, gerät irgendwann alles aus der Hand. Es gibt in den Klub keine besonnen Führer, die nachhaltig um Mäßigung bemüht sind, wie das hysterische Gezergel um den Umgang mit dem abgeblasen Spiel im Estadio Centenario zeigte. Und letztlich ist das so, weil doch alle so gut von der Eskalation leben.

Eine ungeheure Demütigung

Leider zeigt das nur, wie schlecht Länder wie Argentinien geführt sind. Es ist natürlich eine ungeheure Demütigung, dass das größte Spiel in der Geschichte der Copa Libertadores, ja das größte Spiel in der Geschichte des südamerikanischen Fußballs nicht in Südamerika ausgetragen werden konnte, sondern in Madrid. Also in der Kapitale, die den Kontinent einst kolonisierte.

Die besten Spieler des gestrigen Finales werden wir bald in Europa sehen, und sie werden froh sein, unter gemäßigten Bedingungen Fußball spielen zu dürfen, ohne den unmenschlichen Druck von außen. Und vermutlich wäre es auch für Millionen Fans von Boca und River eine Erlösung, wenn in ihrem Leben der Fußball einfach nur noch Fußball wäre.