Zum Aufstieg des 1.FC Magdeburg

Hohe Erwartungen

»Megageil! In Liverpool sind wir auch gewesen. Eine Führung durch Anfield. Im Pressebereich hab ich mich hingestellt und gesagt: ‚I am the coach of Magdeburg and in four years we will win the Champions League.‘ In Bolton gab’s sogar Bier, man durfte pofen, und wir konnten Pyro zünden, die ham uns alles erlaubt, is’ keen Hut jetze! Tags drauf hab ich mir die ‚Sun‘ gekauft, und sogar die haben über uns berichtet.«

Sagt Hütte, der so heißt, weil er ursprünglich aus Eisenhüttenstadt kommt. Seit 40 Jahren ist er mit dem FCM unterwegs, tausende Kilometer pro Jahr, tausende Euro. Ein kompakter Typ, Kapuzenpullover, Kurzhaarfrisur, und wenn er redet, kneift er die Augen zusammen, als würde er im Boxring stehen. »Früher«, sagt er, »da haben wir gut rumgepelzt, aber ohne Schlagring, Mann gegen Mann.«

Die Erwartungen sind hoch

Natürlich war er auch in Bordeaux, Herbst 1990. Das letzte Europapokalspiel und das erste Mal auf großer Fahrt in den Westen. »Da wurden auf dem Weg ganze Tankstellen ausgeräumt! Man hat halt ausprobiert, wie weit man gehen durfte und was die Bullen erlauben. Is’ keen Hut jetze!«

Ankunft in Paderborn um kurz nach fünf. Auf dem Parkplatz versammeln sich mehrere hundert FCM-Fans, insgesamt sind über 1500 aus Magdeburg gekommen, an einem Dienstagabend. Die Erwartungen sind hoch. Was gab’s seit der Wende schon zu feiern? Ein paar Landespokaltitel, ein Sieg gegen die Bayern im DFB-Pokal 2000. In den vergangenen zwei Saisons ist der FCM jeweils Vierter geworden, den Aufstieg immer vor Augen.

Als der Fußball nicht sexy und hip war

»Wäre langsam seltsam, wenn wir es dieses Mal wieder nicht schaffen«, sagt Sven Retschlag und stellt sich an die Bierausgabe neben den Bus. Auch er: seit über 40 Jahren FCM-Fan. »Keine andere Möglichkeit«, sagt er. Sein Onkel Rolf machte zwischen 1961 und 1972 über 200 Spiele für den Verein. Und mit Jürgen Pommerenke, einer anderen FCM-Legende, wohnte er im selben Hochhaus.

Auch Sven ist einer, der früher gerne mal draufgehauen hat, er war Mitglied der schlagkräftigen »Domspatzen«. »Vor denen hatte man Respekt«, sagt Koile, Sven nickt, und die anderen nicken auch. Viele hier haben ihre alten Kloppergeschichten, und viele erzählen sie wie Heldengeschichten. Es sind Zeitreisen in eine Vergangenheit, in der Fußball nicht sexy und hip war, sondern hässlich und asozial. »War die Zeit«, sagt Sven. »War ’ne gute Messe!«

Und dann erzählt er weiter, von Auswärtsspielen bei Chemie Leipzig, wo es keinen Auswärtsblock gab und man als Fan des gegnerischen Teams immer auf der Hut sein musste. Von Schlägereien in Ostrava mit der Polizei. Von der kleinen Freiheit im engen sozialistischen Korsett. Kurz vor der Wende floh Sven aber in den Westen. »Hab rübergemacht nach Aalen, Baden-Württemberg.« – »Warum?«, fragt Koile. »Na ja, in Baden-Württemberg gibt’s viel Geld und gute Arbeit, dachte ich. Und war ja anfangs auch so.«