Zum Abschied von Thierry Henry

Nie mehr Titi-Taka

Mit Thierry Henry tritt einer der elegantesten Stürmer aller Zeiten von der Fußballbühne ab. Zeit, einfach mal sauer zu sein.

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Cher Thierry,

tut mir leid, dass ich es so drastisch formuliere, aber es muss einfach raus: Es kotzt mich an!

Nicht nur, dass du dich vor Jahren bereits zwecks Altersteilzeit aus der ernstzunehmenden Fußballwelt in Richtung New York verabschiedet hast, nein, du konntest es einfach nicht lassen, uns alle paar Wochen per Videobotschaft zu zeigen, wie gut du eigentlich noch bist. Das tat doppelt weh, denn du warst weg und trotzdem noch irgendwie da.

Lächerlich sahen sie gegen dich aus, die US-amerikanischen Fußballprofidarsteller, die sich von dir abhängen ließen wie rheumakranke Esel. Das kann dir doch keinen Spaß gemacht haben, oder? Einem Mann jenseits der 30, Weltmeister, Europameister, Champions-League-Sieger, Meister und Pokalsieger in Frankreich, England und Spanien, Welttorjäger. Der eigentlich pappsatt hätte sein müssen, weil er sie alle aufgefressen hat. Und jede dieser famosen Machtdemonstrationen aus Übersee trieb den alten Schmerz in die Magenegegend, warf die quälende Frage auf, die niemand wirklich beantworten konnte: Warum hast Du uns allein gelassen mit diesen Ronaldos und Messis? Diesen surrealen Werbeflächen, die sich von Rekord zu Rekord bomben wie Roboter, entsprungen aus der Welt der Spielkonsolen. Die Eleganz durch pure Wucht ersetzen, die Kunstwerke mit der Kettensäge malen. Ihre Tore sind wie Hardcore-Pornos, sie sehen alle gleich aus. Deine Tore waren wie »Zärtliche Cousinen«. Weichgezeichnet, verrucht, sanft.

Schneller als Ronaldo, cooler als Zlatan

Dein Antritt trieb deinen Gegnern Beton in die Schuhe.  Jeden Ball behandeltest du so, wie man ihn behandeln sollte: liebevoll streichelnd, als sei er dein eigenes Kind vor dem Schlafengehen. Vor dem Tor warst du dann plötzlich cooler als King Cool himself, Zlatan Ibrahimovic. Die Innenseite deines rechten Fußes schien beschlagen mit Dynamit – eingerollt in purer Seide. Sie sonderte wahlweise Kurzstreckenraketen oder Flugkurvengedichte auf das gegnerische Tor. Sie klappte Kinnladen runter und brachte massenweise Kreisläufe zum Zusammenbruch. Dein Torjubel grenzte an Überheblichkeit, ach was, er war arrogant, denn stets drehtest du scheinbar teilnahmslos ab. Brust raus, Blick ins Publikum, Zeigfinger hoch. Eine Geste, die sagte: Jubeln da gerade 40.000 Menschen? Fallen auf der ganze Welt Fans vom Fernsehsessel? Wegen mir? Incroyable!