Zum Abschied von Nuri Sahin

Er wird zurückkommen

Mit dem Ende der Klopp-Jahre verliert Sahin, geplagt von Verletzungen, immer mehr an Boden. Unter Thomas Tuchel spielt er kaum noch eine Rolle, schwingt sich aber im Spiel nach dem Anschlag zum Anführer der Mannschaft auf. Auf eine starke Leistung in der zweiten Halbzeit gegen Monaco, die den alten Nuri zeigt, folgt ein bemerkenswertes Interview mit Jan Aage Fjortoft. Den Tränen nahe sagt er: »Bis ich auf dem Platz war, habe ich nicht an Fußball gedacht. Fußball ist wichtig. Wir lieben Fußball, wir leiden beim Fußball. Wir verdienen damit viel Geld. Wir sind privilegiert. Aber wir sind auch Menschen. Es gibt so viel mehr als Fußball. Und gestern Abend haben wir das gespürt.«

Als der Verein mit Thomas Tuchel in diesen Monaten im Streit liegt, wird Sahin vorangeschickt. Er unterschreibt noch im April 2017 überraschend einen neuen Vertrag, stellt sich im Aktuellen Sportstudio, er ist der starke Mann im Kader. Er ist Tuchels Gegenspieler, wird im Pokalfinale gegen Frankfurt nicht einmal zum Kader gehören und am Ende den längeren Atem haben.

Gegen alle Widerstände

Aber nach einer kurzen Blütephase unter Bosz mit seinem letzten von insgesamt 21 Bundesliga-Toren für Dortmund beim 2:2 bei Eintracht Frankfurt, verschwindet Sahin wieder auf die Bank, auf die Tribüne. Da hat seine zweite Karriere längst begonnen. Studium an der Harvard Business School, dazu das Herzensprojekt bei seinem Heimatverein RSV Meinerzhagen, den er bereits jetzt in die sechste Liga geführt hat. Als »Trainer, Vordenker und Förderer«, wie der »Kicker« zu berichten weiß.

Zur aktuellen Saison verpflichtet er Focher, den dritten Keeper der Dortmunder Meistermannschaft von 2011. Er ist angekommen. Und es ist kaum vorstellbar, dass Sahin den BVB verlassen wird. Dortmund ist sein Verein. Hier wurde er zum jüngsten Spieler der Bundesliga-Geschichte, hier hat er sich in jungen Jahren gegen alle Widerstände durchgesetzt, nach der Leihe nach Rotterdam seinen Wert bewiesen. Gezeigt, dass er eine Mannschaft führen kann. Bis zum Titel. Hier wurde er mit offenen Armen empfangen als das Abenteuer beim größten Klub der Welt so schnell beendet war.

Dank und Weisheit

Noch ist Sahin Fußballer und noch will er etwas leisten. Am Deadline Day heuerte er bei Werder Bremen an. Auch dort wird er nicht jedes Spiel machen, auch dort wird er nicht mehr der Spieler werden, der er vor seinen Verletzungen war. Aber vielleicht holt er noch einmal die Grätsche raus, vielleicht schickt er demnächst die Bälle auf Claudio Pizzaro, auf Max Kruse oder den jungen Josh Sargent. Abends dann wird er nach Hause kommen, an den RSV Meinerzhagen denken, an seiner Karriere nach der Karriere basteln und eines Tages zurück nach Dortmund kommen.

»Bis zu meinem letzten Atemzug, wenn ich meine Augen schließe, werde ich dich meinen Namen singen hören«, dankt Sahin der Südtribüne. Er wird zurückkommen. In den 18 Monaten in Madrid und Liverpool hat er gelernt: »Heimat ist der Ort, den deine Füße verlassen können, aber Dein Herz wird immer da sein.«