Zum Abschied von Andres Iniesta

Gracias, blasser Ritter

Er ist keiner für die teuren Werbekampagnen, er stand nie im Vordergrund und doch gehört Andres Iniesta zu den ganz Großen des Fußballs. Jetzt geht er. Und hinterlässt eine wichtige Botschaft.

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Es gibt Spieler, um die weint ein ganzer Verein, wenn er ihn denn verlässt. Wenn seine Karriere ein Ende findet. Spieler wie Willy Landgraf zum Beispiel. Es gibt Spieler, um die weint ein ganzes Land. Selbst die, die es mit dem Erzrivalen des Klubs halten, zu denen der Spieler seit jeher zählte. Spieler wie Bastian Schweinsteiger zum Beispiel. Und es gibt Spieler, um die weinen sie alle. Um die weint der Fußball auf der ganzen Welt. Spieler wie Andrès Iniesta.

Nach 22 Jahren in Diensten des FC Barcelona hat er nun offiziell seinen Abschied verkündet. Die Worte, die Gewissheit schaffen sollten, wollten nicht hinaus in die Welt. Tränen schossen ihm ins Gesicht, als wolle sein Herz einen letzten Versuch unternehmen, den Kopfmenschen Iniesta doch noch umzustimmen. Dann sagte er: »Das ist meine letzte Spielzeit hier. Das ist ein sehr schwerer Tag für mich. Meinem Zuhause Lebewohl zu sagen, ist sehr schwierig. Barcelona ist die beste Mannschaft der Welt, sie hat mir alles gegeben.« Und dann: Applaus. Von den Mitspielern, die komplett angetreten waren. Von den hunderten Medienvertretern. Von allen. So laut und ausdauernd, als wollten sie diesen letzten gemeinsamen Moment für die Ewigkeit festhalten. Als wollten sie Iniesta festhalten. Und weil Tränen irgendwann nicht mehr genügen.

Die Fortführung von Philipp Lahm

Ob die Karriere noch weitergeht, ob er nach China wechselt, in einem absurden Deal, der die Bewerbung seines eigenen Weinguts in den Mittelpunkt stellen würde? Unklar. Und ganz egal.

Timing ist keine Stadt in China. Niemand weiß das besser als Andres Iniesta. Denn Timing konnte er, dieser 1,71 Meter kleine Schattenspieler. Der blasse Ritter. Jeder Pass zu seiner Zeit. Keine verschwendeten Ideen, Läufe, kein Aktionismus. Iniesta war die aufregende Fortführung von Philipp Lahm — immer fehlerlos und doch immer mit einem Einfall. Den die anderen zumeist nicht hatten, oder nicht erkannten oder gegen den sie trotz allem machtlos waren. 

Der rechte Fuß Gottes

Und er war erfolgreich. Verdammt erfolgreich: Über 700 Spiele für den FC Barcelona, achtmal spanischer Meister, viermal Champions League-Sieger, Weltmeister, Europameister und, und, und. 31 Titel insgesamt. Kein Spanier war je erfolgreicher. Und ach ja, das Siegtor zum WM-Erfolg 2010 hat er auch noch geschossen. 

Dazu die unzähligen Hymnen zu seinen Ehren. »Xavi, Du wirst mich in Rente schicken, aber er wird uns alle in den Ruhestand schicken«, soll Pep Guardiola über den 17-Jährigen Iniesta gesagt haben.

Den rechten Fuß Gottes, den »Bonbonverteiler«, wie ihn sein Ex-Coach Frank Rijkaard nannte, weil er so ungemein viele, schöne Pässe an die Kollegen bringe. 

Dabei wirkte er dann immer ganz unbeteiligt. Selten hatte es den Anschein, als begreife er, was er stets war — ein Künstler. Dann tat er wieder so, als sei das doch nunmal das Spiel, als sei das, was er auf den Rasen bringe, ganz normal im Fußball. War es nicht. War es nie.