Zum 70. Geburtstag: Wie die großen Jahre des 1. FC Köln verliefen

Keine Tradition

Heute wird immer wieder die Mediensituation in Köln als Grund angeführt, dass der Klub nicht zur Ruhe kommt. Wie sehr hatten Sie zur aktiven Zeit mit Schlagzeilen zu kämpfen?
Löhr: Auch wir hatten den Druck, den die Tageszeitungen ausübten. Und es kam noch etwas hinzu: Wenn wir schlecht spielten, kamen sofort 10 000 Zuschauer weniger ins Stadion. Du hast eine sofortige Reaktion der Zuschauer auf die Leistung der Mannschaft bemerkt. Und wenn du gewannst, kamen sie wieder. Gegen Eintracht Braunschweig hatten wir mal zu Hause 19 000 Zuschauer. Franz Kremer meinte: »Das ist das erste Mal unter 20 000.« Und das nur, weil wir vorher zweimal hintereinander verloren hatten.


Weber: Wir haben uns damals im Geißbockheim umgezogen und sind im Trainingsanzug mit dem Bus zum Stadion gefahren. Auf der Fahrt gab es immer ein Omen, ob wir an dem Spieltag gewinnen würden, denn wir fuhren am Krankenhaus in Hohenlind vorbei. Wenn da eine Nonne im Garten stand, haben wir gesagt: ›Heute kann nichts schiefgehen.‹


Inzwischen ist jeder Klub stolz auf seine Tradition. 1960 war der FC gerade einmal zwölf Jahre alt. Welche Rolle spielte damals Tradition im Fußball?
Thielen: Eine große. Es wurde Franz Kremer zum Vorwurf gemacht, dass er den Klub, der aus der Fusion von Sülz 07 und Kölner BC hervorging, 1. FC Köln nannte. Andere Vereine wie der VfL 99 hatten mehr Tradition und waren größer. Das haben die Kölner nicht vergessen. Anfänglich kamen unsere Anhänger in der Mehrzahl eher aus dem Umland als aus der Stadt selber. In der Stadt waren viele eifersüchtig auf unseren Erfolg.


Löhr: Aber das legte sich, weil die Zuschauer eine Bindung zu uns Spielern aufbauten. Wir waren ja allesamt Eigengewächse und standen treu zum Verein. Ich glaube, diese Form von Identifikation gibt es heute nicht mehr.


Ihre Anhänger waren gefürchtet in der Liga.
Weber: Einmal gab es eine Platzsperre, weil der Schiedsrichter beim Match gegen Frankfurt von unseren Fans mit einem Knüppel bedroht worden war. Deshalb mussten wir in Wuppertal spielen. Das Spiel gegen Braunschweig dort war mit 28 000 Zuschauern ausverkauft, davon 20 000 Kölner. Wenn es brannte, waren die immer da, denn der Kölner wird wach, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt.


Von Udo Lattek stammt der Fußballspruch des Jahres 2010: ›Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft.‹
Löhr: Zu unserer Zeit war das leider anders. Aber wir haben die Fans natürlich auch verwöhnt, deshalb waren sie viel kritischer. Für uns war eine Saison nicht erfolgreich, wenn wir nicht Meister wurden.


Wie quittierten das die Anhänger?
Löhr: Als wir 1968 in Ludwigshafen im Finale gegen Bochum den Pokal holten, fuhren wir nach dem Spiel mit dem Bus zurück und stiegen still und leise hier am Geißbockheim aus. Wir zogen uns um und gingen nach Hause – da niemand auch nur darüber nachgedacht hatte, einen Empfang für uns zu veranstalten.