Zum 70. Geburtstag: Wie die großen Jahre des 1. FC Köln verliefen

Ein Klub wie Real Madrid

Nach jedem Spiel gab es im Geißbockheim ein gemeinsames Essen.
Löhr: Anfang der Sechziger haben wir sogar nach jedem Training zusammen gegessen. Wenn wir nach München oder Hamburg gefahren sind, haben wir immer in den besten Hotels gewohnt, nie in irgendeiner Absteige. Man konnte gar nicht anders, als sich gut zu benehmen.


In einem Filmbeitrag aus den Sechzigern heißt es: ›Bei Kremer werden Calvados und harte Männergetränke getrunken.‹
Thielen: Dabei hat er den Verein erst vom Biertheken-Image gelöst, das im Fußball vorherrschte.


Löhr: Er hatte hier im Geißbockheim ein feudales Zimmer mit einem großen Tisch und Lederstühlen, wo er die Leute zu sich kommen ließ. Wenn es mal nicht lief, kam Franz Kremer und sagte: ›Jetzt geht es nur um den Klub, und wer nicht mitmacht, der kann sehen, wo er bleibt.‹ Er war da nicht pingelig: Wer nicht in die Gruppe passte, von dem hat er sich schnell getrennt. Er konnte einen aber auch in den Arm nehmen. Kurz: Er war der Vater dieses Klubs.


Und er war auch immer greifbar?
Thielen: Er hat sich fast jede Trainingseinheit angeschaut und gerne dabei zigarrerauchend mit den Fans diskutiert. Es war sein Unternehmen. Je besser der Verein war, desto besser ließ er sich vermarkten. Fußball war damals ein anderes Milieu. Franz Kremer musste sich auch erst gegen die Opposition durchsetzen, denen passte das Weltmännische nicht. Aber er hat es geschafft, die wirtschaftlichen Größen an einen Tisch zu bringen und mit der Firma Mülhens von 4711, dem Gerling-Konzern und Kaufhof ein Sponsoring auf die Beine zu stellen, das es noch gar nicht gab. Das Geißbockheim ist nicht mit Einnahmen aus dem Fußball gebaut worden, sondern durch Sponsoren.


War Kremer ein Stück weit ein Sonnenkönig?
Löhr: Nein, Kremer war der Chef, und so nannten ihn auch alle: ›Boss‹.


Thielen: Er hat uns immer gesiezt, so wie wir ihn auch. Ich hab ihn mal gefragt: ›Warum machen Sie das eigentlich?‹ Da meinte er: ›Das will ich Ihnen sagen. Ich habe schon oft ›Du Arschloch‹ gehört, aber ›Sie Arschloch‹ noch nie.‹


Weber: Kremer hatte keine Kinder, und ich glaube, dass er seine Spieler alle mehr oder weniger als seine Zöglinge verstand.


Löhr: Aber seine Triebfeder war: Er wollte den besten Verein der Welt. Einen Klub wie Real Madrid, deshalb haben wir ja in Weiß gespielt.


Haben Sie beim FC auch im Verhältnis besonders gut verdient?
Thielen: Wir haben es jedenfalls versucht. Franz Kremer hat trotz der Vereinsstruktur eine Satzung eingeführt, die einer Aktiengesellschaft entsprach, mit Aufsichtsrat und Vorstand. Aber die Größenordnungen waren natürlich andere als in Spanien.


Über was für Summen sprechen wir hier?
Thielen: 2000 Mark waren damals eine Summe, die deutlich über dem lag, was man bei einer normalen Arbeit verdienen konnte. Aber es war dennoch nicht die Hauptmotivation. Die bestand darin, in der Mannschaft zu spielen, die zu dieser Zeit die beste in Deutschland war.


Weber: Wir durften damals nicht mehr als 1250 Mark verdienen.


Löhr: Das kam darauf an, ob man Nationalspieler war oder nicht. Nationalspieler durften mehr verdienen.


Kremer war in Gelddingen sehr findig. Er soll mittwochs Freundschaftsspiele durchgeführt haben, die Ihnen Sonderprämien einbrachten.
Löhr: Das Geld dafür gab es obendrauf. Dadurch kamen manche Spieler auf zehn Spiele pro Monat.