Zum 50. Geburtstag von Marco van Basten

Der Heilige

Marco van Basten war der beste Stürmer seiner Generation. Er konnte alles, er gewann alles – bis er viel zu früh die Karriere beenden musste. Eine Würdigung zum 50. Geburtstag.

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»Die Flanke war eigentlich viel zu hoch.« (Frank Rijkaard)

»Aus diesem Winkel kann man den Ball eigentlich nicht ins Tor schießen.« (Ronald Koeman)

»Und wenn er diesen Schuss noch eine Million Mal wiederholt – so ein Tor schießt er nie wieder.« (Ruud Gullit)

»Ich hätte den Ball auch annehmen können und es mit den Verteidigern aufnehmen können. Aber ich wählte den leichteren Weg und riskierte einen Schuss.« (Marco van Basten)

Stürmer werden an ihren Toren gemessen. Große Stürmer an großen Toren. Und Weltklasse-Stürmer an Weltklasse-Toren.
Marco van Basten war Weltklasse. Vielleicht war er sogar noch besser. Anfang der neunziger Jahre wurde Lothar Matthäus gefragt, wen er für den besten Angreifer der Welt halte. Matthäus antwortete: »Den Niederländer Marco van Basten. Nichts gegen Jürgen Klinsmann und Rudi Völler. Aber van Basten ist noch mal eine Stufe über den beiden.« Da war Deutschland gerade Weltmeister geworden. Mit Völler und Klinsmann im Sturm.

»San Marco«

Als Marco van Basten beim AC Mailand spielte, gaben ihm die Italiener schnell einen neuen Spitznamen: »San Marco«, der heilige Marco.

Wie passend, dass Marco van Bastens berühmtestes Tor damals wie heute mit geradezu sakraler Ehrfurcht behandelt wurde und wird. Als etwas Überirdisches, geradezu unmenschlich Entrücktes. Als Heiligtum.

25. Juni 1988. Europameisterschaft in Deutschland. München, Olympiastadion. Niederlande gegen UdSSR. Finale. 16.45 Uhr. Beim Stand von 1:0 für die Niederlande schickt Arnold Mühren eine Flanke mit links aus dem Halbfeld auf die Reise. Viel zu hoch, denkt Frank Rijkaard. Am langen Pfosten hat sich Marco van Basten freigelaufen. Aus dem Winkel kann er den nicht aufs Tor schießen, denkt Ronald Koeman. Der Ball senkt sich, erreicht van Basten. Der denkt: Ich könnte ihn auch annehmen. Aber ich riskiere den Schuss. Van Basten nimmt die Flanke von Arnold Mühren volley. Mit einer unglaublichen Flugkurve rauscht der Ball aus einem unglaublichen Winkel ins lange Eck, über den sowjetischen Torwart Rinat Dassajew ins Netz. Ruud Gullit denkt: Den macht er so nie wieder. Es steht 2:0. Marco van Basten hat dem Fußball einen Heiligenschrein errichtet.

Dieses Tor hat den heute vor 50 Jahren in Utrecht geborenen van Basten weltberühmt gemacht. Es steht auf einer Stufe mit den ganz großen Schönheiten, die dieser Sport produziert hat: Pelés Volleytor im WM-Finale 1958, Maradonas Sololauf im WM-Viertelfinale 1986, Matthäus´ Kraftakt im deutschen Auftaktspiel bei der WM 1990 gegen Jugoslawien. Doch so wunderbar, wie van Bastens Tor auch war, es ist auch ein Zeugnis davon, was dieser Fußballer der Welt noch alles an Schönheiten hätte schenken können. Nur sechs Jahre nach diesem Tor konnte Marco van Basten nicht mal mehr schmerzfrei zur Toilette gehen. Sein rechter Knöchel, der diese verrückte Flugkurve erst möglich gemacht hatte, war steif, die Knorpel zerrieben. Knochen schabte auf Knochen. Es muss so weh getan haben, wie es sich anhört.

Drei Jahre Folter

Am 26. Juni 1993, exakt fünf Jahre und einen Tag nach seinem Treffer gegen die UdSSR, machte Marco van Basten sein letztes Spiel. Im Champions-League-Finale gegen Olympique Marseille stand er von Beginn an auf dem Platz. Ein medizinischer Skandal. Der einst so vor Kraft strotzende van Basten mühte sich 85 Minuten lang über den Rasen, ehe er endlich ausgewechselt wurde. Mailand verlor mit 0:1. Die Fußball-Welt verlor eine der größten Attraktionen. Die Knöchel des Stürmers waren ein einziges Trümmerfeld. »Stellen sie sich das mal vor«, sagte Marco van Basten einige Jahre später in einem Interview mit dem »Kicker«, »wie das ist, irgendwo in ihrem Körper Schmerzen zu haben. Jeden Tag, jede Minute – und das drei Jahre lang. Mein Leben wurde von Schmerzen dominiert.«

So endete eine großartige Karriere in einer dreijährigen Odyssee aus Schmerzen, Operationen, schlechten Ratschlägen von schlechten Ärzten und unerfüllten Hoffnungen. Ein Sportler-Drama. Doch diese Karriere ist es wert, erzählt zu werden.