Zum 40. Jahrestag des Duells Dresden-Bayern

»Akklimatisationsprobleme der Mannschaft«

Nach dem Spiel ist der Respekt vor Dynamo Dresden wiederhergestellt. Trainer Lattek muss der Presse erklären, warum sein 4:1-Wunschergebnis nicht gelang: »In Zwickau spielten die Dresdner wie Ackergäule, hier jedoch spritzig wie Leichtathleten. Das ist eine echte Spitzenmannschaft nach westlichem Stil.« Dresdens Trainer Fritzsch entschuldigt die Niederlage mit mangelnder Konzentration in der Schlussphase. Die Ausgangsposition kann jedoch für die Dresdner nicht besser sein. Drei Auswärtstore, schon ein 1:0 würde Dynamo zu Hause gegen die Bayern zum Weiterkommen reichen. Während die Dresdner Spieler und Schlachtenbummler um Mitternacht hoffnungsfroh den Heimweg antreten, bleibt in München ein nachdenklicher FC Bayern zurück, der nun um das sicher geglaubte Weiterkommen bangt.

In Dresden tritt wenige Tage vor dem Rückspiel erneut jene Kommission in der SED-Bezirksleitung zusammen, um beim Rückspiel nicht nur dem FC Bayern, sondern auch dem Risikofaktor »negativ-dekadenter« Fans in Dresden Herr zu werden. Sympathisierende Menschenaufläufe vor Hotels und Trainingsplätzen sollen den gezückten Kameras der westdeutschen Fotografen nicht geboten werden. Für den 40-köpfigen Bayern-Tross ist eine Unterbringung im Interhotel »Newa« geplant. Dieses Hotel bietet der SED ein erprobtes Sicherheitsmanagement. Die Kommissionsmitglieder beschließen, die Empfangshalle und die Hotelrestaurants mit reichlich Sicherheitspersonal zu besetzen, um »keine Ansammlung von Reportern aus der BRD und Dresdner Bürgern zuzulassen«. Gleiches gilt auch für die Straßenzüge um das Hotel.

Allerdings fehlt von der Bayern-Mannschaft am geplanten Anreisetag jede Spur. Nur Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker und Nationaltrainer Helmut Schön checken im Interhotel »Newa« ein. Die etwa 400 jugendlichen Fußballfans aus Sachsen warten vergeblich auf die Bayern-Stars. Unerwartet hat der Mannschaftsbus des FC Bayern seine Fahrt kurz vor der DDR-Grenze im bayrischen Hof gestoppt und dort über Nacht Quartier genommen. Hintergrund ist eine Warnung von Uli Hoeneß, dass beim UEFA-Jugendturnier in Leipzig 1969 einige Westmannschaften mit Durchfallerkrankungen gehandicapt aufgelaufen seien. »Es gab die Vermutung, dass was ins Essen getan wurde, die Zimmer, auch Besprechungsräume, abgehört wurden«, so Hoeneß später. Die offizielle Begründung für die Übernachtung in Hof lautet: »Akklimatisationsprobleme der Mannschaft, die sich aus dem Höhenunterschied zwischen München (ca. 500 m) und Dresden (106 m) ergeben.« Wegen dieser durchsichtigen Ausrede werden die Bayern von Ost- und Westpresse heftig als »überheblich« angegriffen.

Dass ihre Vorsicht jedoch nicht unbegründet ist, stellt sich erst nachträglich heraus. Denn zwar hat das MfS nicht das Essen manipuliert, aber den Hotelsalon »Pushkin«, wo die Bayern ihre abschließende Mannschaftsbesprechung abhalten, wohlweislich verwanzt. Die Stasi hört mit, und ein Motorradbote macht sich schnellstens zur ebenfalls abgehaltenen Teamsitzung der Dresdner auf den Weg, um Trainer Fritzsch brühwarm die Mannschaftsaufstellung der Münchner Bayern zu übergeben.
Am Spieltag reisen auch die etwa 1600 Bayern-Fans an. Schon hinter der DDR-Grenze werden sie mit Transparenten wie »Sachsen grüßt Bayern« empfangen. Solche Verbrüderungen sind der Stasi ein Dorn im Auge. Nach der Ankunft werden in verschiedenen Stadtgebieten sogenannte »Agit-Gruppen« losgelassen, um Kontakte mit DDR-Bürgern zu vereiteln. Auch beim Stadion hat die SED-Kommission für eine »hermetische Abriegelung« durch die Volkspolizei und das MfS gesorgt. An das Stadion kommen nur diejenigen heran, die im Besitz einer Eintrittskarte sind. Auf den Zuschauertraversen ist die Stasi ebenso präsent. Das MfS hat auch bei der Kartenverteilung die Finger im Spiel. 8500 Dauerkartenbesitzer und 7000 »politisch zuverlässige Bürger« aus Dresdner Betrieben erhalten Tickets zugesichert. In den freien Verkauf gelangen lediglich weitere 7500 Karten, der Rest ist für Sicherheitskräfte und den Partei- und Staatsapparat reserviert.

Trotzdem ist am Spieltag die Stimmung im ausverkauften Dynamo-Stadion prächtig. Die Dresdner machen wie schon in München ein sehr gutes Spiel. Dieses Mal ist jedoch der Favorit auf der Hut. Die Münchner Bayern ziehen schon nach zwölf Minuten mit 2:0 davon. Die Dresdner Elf agiert gerade in den ersten Minuten zu offensiv und wird von den Bayern zweimal blitzschnell ausgekontert. Dynamo-Verteidiger Eduard Geyer macht dabei nicht die beste Figur. Trainer Fritzschs »abwehrtreuester« Verteidiger kann dem schnellen Uli Hoeneß zweimal nicht folgen, der dann unbedrängt einnetzt. Die Dresdner lassen sich jedoch nicht beeindrucken. Angetrieben von den Rängen holen sie durch Tore von Siegmar Wätzlich und Hartmut Schade wieder auf. Als Reinhard Häfner gar auf 3:2 in der zweiten Halbzeit erhöht, beginnen die Dresdner Fans vom Weiterkommen zu träumen. Der Jubel währt allerdings nicht lange. »Bomber« Gerd Müller bugsiert den Ball schon zwei Minuten später aus Nahdistanz über die Dresdner Torlinie. 3:3! Nach 90 spannenden Minuten bleibt es bei diesem Spielstand. Der Münchner Favorit rettet das Unentschieden über die Zeit und ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Trotz der sportlichen Niederlage verzeichnet die DDR-Seite einen Triumph. Der menschliche Kontakt zwischen Spielern und Fans ist mit der »Abgrenzungsstrategie« der SED und der Kontrolle des MfS erfolgreich verhindert worden. Nach Abpfiff werden weder Hände geschüttelt noch Trikots getauscht. In München wie in Dresden reisen Mannschaft und Anhänger schon nach wenigen Stunden wieder ab, ohne miteinander ins Gespräch zu kommen. Die SED-Kommission in Dresden hat wirksam gearbeitet.