Zum 40. Geburtstag des Nürnberger Phantoms Marek Mintal

»Nur 25 Ballkontakte? Na und!«

Wie verlief dieses Treffen?
Fragen Sie mich nicht, warum, aber als meine Freundin und ich durch Nürnberg fuhren, spürte ich gleich eine besondere Verbindung zu dieser Stadt. Und so ging es mir auch mit dem Verein. Also verließ ich Zilina und ging nach Deutschland. Nach zwei Wochen hatte ich so fürchterliches Heimweh, dass ich mit Tränen in den Augen wieder nach Hause fuhr.

Was war da los?
Alles war neu für mich, die Sprache, die Mentalität, der Fußball – ich vermisste mein vertrautes Zuhause. Als die Tränen getrocknet waren, dachte ich über meine Situation nach. Da wurde mir bewusst, dass ich mich einfach vor meiner Angst versteckte. Meiner Angst, mich zu blamieren. Aber ich hatte nur diese eine Chance meinen Traum zu verwirklichen, also riss ich mich zusammen, fuhr wieder nach Nürnberg und stürzte mich in die Arbeit. Mit jedem Zweikampf verflog meine Angst. Und als ich in einem Trainingsspiel ein eigentlich furchtbar hässliches Tor schoss, wusste ich, dass ich es auch in Nürnberg packen würde. Mit jedem Treffer gewann ich mehr Respekt bei meinen Mitspielern.

Im ersten Jahr wurden Sie mit 18 Toren Torschützenkönig in der zweiten Liga und halfen mit, den Club in die erste Liga zu führen. Nicht schlecht für einen, der vor Saisonbeginn noch mit Heimweh nach Hause fliehen wollte.
Ich lief meine Gegenspieler einfach in Grund und Boden. Ich war nie der Schnellste, aber ich konnte laufen. Ich bin tausende von Kilometern in meiner Karriere umsonst gelaufen, aber was heißt im Fußball schon umsonst? Irgendwann war mein Gegner müde, tat sich eine Lücke auf, kam der Ball – und dann machte ich ihn rein. Deshalb waren mir auch die Analysen egal. Mintal hatte nur 25 Ballkontakte? Na und, wir hatten gewonnen und ich hatte alles gegeben, nur das zählte.


Auch in der darauf folgenden Bundesliga-Saison schossen Sie mehr Tore als jeder andere. Kann man einen solchen Torriecher trainieren?
Ich glaube, so etwas hat man oder hat man nicht. Aus irgendeinem Grund wusste ich meist schon vorher, wohin die Flanke fliegen würde, wohin der Pass gehen könnte. Und dann musstest du einfach hellwach sein, da sein, das Tor machen. Nur war ich dafür zuvor schon viele Kilometer gelaufen.

Weil Sie Ihre Treffer häufig quasi aus dem Nichts schossen, bekamen Sie den Spitznamen »Phantom« verpasst. Ein treffender Vergleich?
Ach, das hatte sich ein Journalist ausgedacht und mir war das ziemlich egal. Überhaupt die Medien. Sie wunderten sich, warum ich so wenige Interviews geben wollte, aber das ganze Gerede von Fußballern ist doch meistens nur Blabla. Ich sagte ihnen: kommt zum Spiel und schaut euch an, wie ich Fußball spiele. Das kann ich besser, als Geschichten zu erzählen.

Nach einer langen und nur von wenigen Einsätzen unterbrochenen Verletzungsmisere feierten Sie Ihr Comeback ausgerechnet im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Eintracht Frankfurt 2007.
Ein sehr bewegender Moment. Wir schafften den Einzug ins Finale und fuhren tatsächlich nach Berlin. Ich spielte von Anfang an. In der 27. Minute gelang mir das 1:1, dann trat mich Fernando Meira über den Haufen und ich musste vom Feld. In der Halbzeit wurde ich zusammen mit unserem Betreuer Boban Pribanovic von einem DFB-Chauffeur in eine private Praxis eines Berliner Arztes gebracht, der machte ein MRT, stellte aber fest, dass das Knie noch zu sehr geschwollen war für eine endgültige Diagnose. Wir fuhren also so schnell wie möglich zurück. Im Radio hörten wir, wie die letzten Minuten der Verlängerung anbrachen, exakt in der 119. Minute stieg ich in den Katakomben des Olympiastadions aus dem Wagen und humpelte in den Tunnel. Gerade noch rechtzeitig, um den Schlusspfiff mitzuerleben. In diesem Moment war das kaputte Knie, waren die Schmerzen völlig vergessen. Am liebsten wäre ich vor lauter Freude eine Ehrenrunde im Vollsprint gelaufen. Es war wie im Film. Ich war in Berlin, ich war nicht in Berlin, ich war doch in Berlin. Jedes Mal wenn ich heute Boban über den Weg laufe, bringt er den gleichen Gag: »Danke für Berlin!« Er hatte ja auch das halbe Spiel verpasst.