Zum 25. Todestag von Ernst Happel

Zauberer

Ernst Happel liebte den Fußball und das Leben. Ein Hasardeur, der mit einem revolutionären Offensivstil zahllose Titel gewann. Heute vor 25 Jahren verstarb die Trainerikone.

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Es sind die kleinen Schwächen, die Legenden in der Rückschau erst überlebensgroß erscheinen lassen. Ernst Happel war bei Spielern nie bekannt dafür, dass er mehr als das Nötigste vor dem Spiel zu ihnen sprach. An diesem Tag jedoch hatte der Alte offenkundig einen Hänger. »Jakobs, du passt auf den …na, auf den … na den, na, wie heißt er …?«

Im Raum hielten alle den Atem an. Jedem war klar, dass der Coach niemand anderen als Klaus Allofs meinen konnte, den aktuell Führenden in der Torschützenliste, auf den Ditmar Jakobs im Spiel gegen den 1. FC Köln sein Augenmerk legen sollte. Doch kein Profi des Hamburger SV traute sich den Mund aufzumachen, bis Co-Trainer Aleksandar Ristic seinen Chef erlöste: »… na, deeen Aaaaloffs«. Die Spieler atmeten auf und Happel endete mit dem obligatorischen »Gehen’s raus und spielen’s seriös«, das der HSV-Kader damals noch als Befehl verstand. Die Partie in Müngersdorf entschieden die Hanseaten mit 4:1 für sich.

Im Karteikasten der Trainerfloskeln steht heutzutage ein Satz ganz vorne an: »Wir schauen nicht auf den Gegner, wir schauen nur auf uns.« Doch angesichts der Hilflosigkeit, mit der selbst ambitionierte Bundesligisten versuchen, sich dem FC Bayern zur Wehr zu setzen, sind diese Worte freilich oft nur vorgetäuschtes Selbstbewusstsein, an das kaum ein Profi wirklich glaubt. Nun wäre es leicht, Happels Aussetzer auf das schlechte Namensgedächtnis des damals 58-Jährigen zurückzuführen.

»Ob ich gewinne, liegt ja an mir«

Doch die Anekdote aus der Kabine illustriert anschaulich, wie bedingungslos der Österreicher auf seine ureigene Idee von Fußball vertraute. Happel interessierte einfach nicht, wie gegnerische Spieler hießen. Wie am Pokertisch blickte er auch beim Fußball nur ins eigene Blatt und entwickelte eine Vorstellung, wie er das Spiel für sich entscheiden konnte. Und hatte er sich auf einen Weg festgelegt, ging er diesen mit aller Konsequenz zu Ende. Ohne Angst, ohne Zweifel. »Ob ich gewinne, liegt ja an mir«, sagte Happel einst über seine Leidenschaft fürs Kartenspiel, »und mache ich einen Fehler, ärgert’s mich.« Diese Mentalität übertrug sich auf seine Teams, die fortan bemüht waren, jeden Fehler zu vermeiden. Nicht zuletzt, um den schweigenden Kettenraucher dort auf der Bank nicht zu enttäuschen. 

Ernst Happel war ein Freigeist. Wenn Weggefährten über die besonderen Eigenschaften der Trainerikone sprechen, fällt wiederholt der Begriff »Unabhängigkeit«. Klaus Dermutz, Autor der Biografie »Genie und Grantler«, sagte Happel 1986: »Ich will von niemandem abhängig sein, ich will mein eigener Herr sein, mein eigener Mensch, das ist für mich ein Grundprinzip. Wenn ich abhängig wär’, hab ich kein Leben mehr.« Keine Laune war ihm zu verrückt, um ihr nicht nachzugeben. Kein Zwang zu stark, um sich diesem zu unterwerfen. Kein Star war groß genug, um von ihm nicht abgesägt zu werden. Ein Millionenangebot des SSC Neapel schlug er aus, weil er keine Lust auf die Extrawürste hatte, die Maradona dort gebraten bekam. Happel hat immer getan, was er für richtig hielt.

»Der Ernstl war ein Ich-Mensch«

Einer, der ein Lied davon singen kann, ist Alfred Körner, einer der beiden noch lebenden WM-Teilnehmer Österreichs von 1954. Schon in den Dreißigern kickte der heute 89-Jährige mit Happel in der Jugend von Rapid Wien. »Der Ernstl war ein Ich-Mensch«, sagt Körner, »der hat Dinge gemacht, die keiner erwartete. Damals hat auch keiner gedacht, dass er je ein Trainer wird.« Körner sitzt an einem Ecktisch im »Café Grün-Weiß«. Es riecht nach Zigaretten, Melange und G’spritztem. Seit 50 Jahren organisiert der Fußballrentner den Stammtisch der Altinternationalen, der sich jeden Freitag hier im Hinterzimmer der Fan­kneipe an der Hütteldorfer Straße trifft. Unter vergilbten Wimpeln, Schals und Mannschaftsfotos sitzt ein Dutzend alter Herren und schwelgt in Erinnerungen. Die Gardinenkneipe passt zur Patina, die die große Wiener Fußballtradition in den vergangenen Jahrzehnten angesetzt hat.

Hier im 15. Bezirk ist Happel bei seiner böhmischen Oma aufgewachsen. Der uneheliche Sohn einer Kneipiersfrau, der seinen leiblichen Vater nie kennenlernt. Der Stammtisch ist eine Reminiszenz an die gediegenen Kaffeehausrunden, die die Stars des legendären »Wunderteams« in den Dreißigern unterhielten, als Österreich auf Weltniveau kickte und beim großen Braunen und Linzer Torte Siege ausdiskutiert wurden. Als Happel noch lebte, schaute er bei Wien-Besuchen gern vorbei. Viel gesprochen hat er nie. Auch in der eigenen Mischpoke ist der »Wödmasta« eher Einzelgänger geblieben.

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