Zum 125. Geburtstag: Als Hertha einst der erfolgreichste Klub Deutschlands war

Der Mauerbau schnitt Hertha von den Fans ab

Hanne Sobeks Sohn Bernd erinnert sich bis heute daran, wie er mit dem Vater in den ersten Tagen nach Kriegsende mit der S-Bahn zum Gesundbrunnen fuhr. Die Millionenbrücke war in der Mitte eingestürzt, aber es gab noch die alte Treppe runter zum Zauberberg. Also kletterten sie über die Betonbrocken nach unten, aber da war kein Zauberberg mehr und auch kein Uhrenberg. Wo sich einmal die kleine Tribüne aufgebaut hatte, lagen nur noch verkohlte Holzbohlen. Der Vater stand schweigend da, mit ihm eine Handvoll anderer Männer, alles Freunde und Bekannte vom Vater, und wie der kleine Bernd ihnen in die Gesichter schaute, »da konnte ich sehen, dass sie alle Tränen in den Augen hatten«.

Hertha BSC blieb am Gesundbrunnen und mühte sich mit bescheidenen Mitteln um den Wiederaufbau des Platzes. Vor dem Krieg passten mal 35.000 Zuschauer hinein, nach der Neueröffnung 1950 reicht es nur noch für 20.000. Zu wenig für die Bundesliga, die 1963 ihren Spielbetrieb aufnahm, mit Hertha als Gründungsmitglied. Das war so unumstritten nicht, denn die erfolgreichste Berliner Mannschaft nach dem Krieg war nicht Hertha, sondern Tasmania 1900 aus Neukölln. Hertha aber gewann die letzte Berliner Meisterschaft und überzeugte den DFB zudem mit kreativen Zahlen, die nicht ganz der wirtschaftlichen Leistungskraft entsprachen.

Der Mauerbau schnitt Hertha von den Fans ab

Für zwei Jahre zog Hertha ins Olympiastadion um, trainierte aber weiterhin an der Plumpe, nur einen Abstoß weit von der Berliner Mauer entfernt. Am Herthaplatz war die West-Berliner Welt zu Ende. Eine steile Rampe führt hinauf zur Behmstraßenbrücke, wo die DDR-Grenzer patrouillierten. Wedding oder Prenzlauer Berg - das hatte früher niemanden interessiert. Der Mauerbau schnitt Hertha von seiner Anhängerschaft in den Arbeiterquartieren jenseits der Reichsbahngleise ab. Bis zum 13. August 1961 hatte der Klub ein treues Publikum in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain.

Bedingt durch die West-Berliner Insellage musste Hertha in neues Personal mehr investieren, als erlaubt war. Die Bundesliga war in ihren ersten Jahren ein seltsames Konstrukt, mit einem Ligastatut, das Handgelder, Gehälter und Prämien auf ein künstlich niedrig gehaltenes Niveau drückte. Schwarzgeld floss bei allen Klubs, aber nur Hertha wurde erwischt und zum Zwangsabstieg verurteilt.

Ein letztes Mal ging es zurück zur Plumpe. Für drei Jahre, bis zum Wiederaufstieg 1968, es waren die letzten großen Fußball-Momente, die der Herthaplatz erlebte. Nach dem Bundesliga-Skandal von 1971, in den auch Hertha verwickelt war, sanken die Zuschauerzahlen so dramatisch, wie die Schulden stiegen. 6,6 Millionen D-Mark waren es am Ende. Zum Überleben musste Hertha BSC die eigene Seele verkaufen, die alte Heimat an der Plumpe, die der Senat in einem besonders schönen Beispiel für West-Berliner Subventionen in lukratives Bauland umwandelte. Hertha kassierte 6,2 Millionen D-Mark und war auf einen Schlag fast schuldenfrei. 1974 kamen die Abrissbagger und machten Platz für 440 Wohnungen.

Hertha blieb nur noch mit zwei, drei Zehenspitzen am Gesundbrunnen. Die Jugendabteilung bezog das NNW-Casino neben dem früheren Schebera- und jetzigen NNW-Platz. »Hertha-Domizil« stand über dem Eingangsportal. Die Jugendmannschaften verstreuten sich über den gesamten Wedding. Als Herthas Amateure 1993 sensationell das deutsche Pokalfinale erreichten, trainierten sie mal im Schillerpark, an der Ramlerstraße oder an der Behmstraße. Erst Ende der Neunziger erfolgte der Umzug der meisten Mannschaften auf das Olympiagelände in Neu-Westend. Hertha hatte den Gesundbrunnen endgültig aufgegeben.

Hier wurde der Fußball plattgemacht

Wo früher mal Zauber- und Uhrenberg mit den Schloten der Fabriken um die Lufthoheit stritten, prägt heute ein graues Wohngebirge das Bild. In Beton gegossener Chic der siebziger Jahre. Am Eingang zum Hof verkündet die Plastik eines aufgerissenen Balles: Hier wurde der Fußball plattgemacht. Das Hertha-Domizil, lange Jahre dem Verfall preisgegeben, dient seit drei Jahren dem Easyjetset als Hostel. Am Bahnhof Gesundbrunnen hat die Deutsche Bahn jetzt zum 125. Geburtstag eine Infotafel über die Vergangenheit des einst prominentesten Anliegers angebracht und das Treppenhaus zur Ringbahn mit blau-weißen Wandgemälden verziert. Es gibt jetzt auf dem Vorplatz auch wieder ein Straßenschild, das auf den »Hanne-Sobek-Platz« verweist. Und am Haus Behmstraße Nummer 11 prangt immer noch groß und elegant der Schriftzug »Hertha BSC«, Hinweis auf den Fanshop, in dem der Verein mal Trikots und Tickets und Tinnef verkauft hat.

Der Fanshop ist längst ausgezogen und hat Platz gemacht für das Bürgerbüro eines SPD-Abgeordneten. Damit der Gesundbrunnen ein bisschen rot bleibt, wenn er schon nicht mehr blau-weiß ist.