Zum 125. Geburtstag: Als Hertha einst der erfolgreichste Klub Deutschlands war

Sobek bekam Ärger mit der NSDAP

Wilde Tage waren das, sie wurden für Hertha erst mit dem Umzug nach Gesundbrunnen ein bisschen ruhiger. Vom Arkonaplatz einen kurzen Schwenk über die Brunnenstraße, vorbei an den Backsteinhallen der AEG und am Humboldthain, der grünen Insel im steinernen Meer der Mietskasernen. Noch ein paar Meter weiter bis zum Bahnhof Gesundbrunnen, dann rechts abbiegen in die Behmstraße. Dort hatte der Gastwirt Joseph Schebera auf der linken Seite zwei Fußballplätze angelegt und auf der rechten eine Eisbahn. Die durstigen Gesellen dürften den Umsatz in seiner nahe gelegenen Kneipe doch ein wenig angekurbelt haben.

Der Humboldthain ist geblieben. Von der AEG, deren Arbeiter zu Herthas treuesten Anhängern gehörten, kündet noch das denkmalgeschützte Beamtentor. Die Industrie hat den Gesundbrunnen lange vor Hertha BSC verlassen.

Auch im Wedding kamen die Zuschauer mit Hut

Auf dem Schebera-Platz ist heute der SV Norden-Nordwest 98 zu Hause, der alte Rivale vom Gesundbrunnen. Als Hertha Anfang der zwanziger Jahre das Geld für die Pacht des Geländes ausging, kaufte NNW die gesamte Platzanlage. Hertha war von einem zum anderen Tag mittel- und heimatlos, aber nicht ideenlos. Präsident Wilhelm Wernicke fädelte eine Fusion mit dem sportlich unbedeutenden, aber vermögenden Berliner SC ein. Der neue Verein nannte sich Hertha BSC und erwarb Scheberas Eisbahn auf der anderen Straßenseite. Der BSC streckte auch das Geld für den Bau eines vereinseigenen Stadions vor und es entstand die Plumpe, Berliner Jargon für die früher am Straßenrand stehenden Wasserpumpen - und bis heute Synonym für die großen Zeiten des blau- weißen Fußball-Unternehmens. Auf Zauber- und Uhrenberg war es so laut wie heute in der Ostkurve des Olympiastadions. Und das Volk war so nah dran, dass es den Spielern auf die Schuhe hätte spucken können, aber auf die Idee wäre in den Zwanzigern niemand gekommen. Auch im proletarischen Wedding kamen die Zuschauer mit Hut und Anzug.

Sechs Mal in Folge schaffte Hertha an der Plumpe den Einzug ins Finale der deutschen Meisterschaft. Auf vier Niederlagen folgten zwei Siege, der Gewinn der bis heute letzten Meisterschaft war das größte Fest, das Hertha je gefeiert hat. Nach dem 3:2 über 1860 München in Köln warteten am 15. Juni 1931 tausende Berliner am Bahnhof Friedrichstraße, um die Mannschaft zum Gesundbrunnen zu geleiten. »Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße und später in der Brunnenstraße reichten nicht aus, alle winkenden Menschen fassen zu können«, hat Herthas Mittelstürmer Bruno »Tute« Lehmann später erzählt.

Sobek bekam Ärger mit der NSDAP

Das Finale von Köln war ein Wendepunkt. Die Meistermannschaft hatte ihren Zenit überschritten, was Hertha am Ende wahrscheinlich die Vereinnahmung durch die Nazis ersparte. Der rote Wedding, von Ernst Busch mit rollendem Rrrrr!!! besungen, stand bei den braunen Machthabern unter Generalverdacht. Der große Hanne Sobek bekam Ärger mit der Gesundbrunner Sektion der NSDAP und nahm vorweg, was sein Verein ein halbes Jahrhundert später tun sollte. Er zog aus dem proletarischen Norden in den feinen Westen, an den Kaiserdamm nach Charlottenburg.

Doch ein Herthaner ist Sobek sein Leben lang geblieben. Noch mit Mitte 40 fuhr er mehrmals in der Woche an den Gesundbrunnen, wenn sein Klub knapp bei Personal war, also eigentlich immer, vor allem in den Kriegsjahren. Die Nazis taten alles dafür, der Bevölkerung so etwas wie Normalität vorzugaukeln, und dazu gehörte unbedingt, dass Fußball gespielt wurde. Immer häufiger mussten die Spiele wegen Bombenalarms unterbrochen werden. Zwei Tage bevor Wilhelm Keitel in Karlshorst die deutsche Kapitulation unterzeichnete, ging die Haupttribüne des Herthaplatzes in Flammen auf.