Zum 10. Todestag von Rudi Faßnacht

Franzbranntwein aufs Bein

Wenn Werner Lorant »beinhart« ist, dann war dieser Trainer mindestens aus Granit. Vor zehn Jahren kam Rudi Faßnacht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Wir erinnern uns an den Härtesten unter den Harten. Zum 10. Todestag von Rudi Faßnacht Heutzutage, in der kommerzialisierten Hochglanz-Fussballwelt, hätte bei Rudi Faßnacht wahrscheinlich schon bald das Telefon geklingelt. »Herr Faßnacht, Sie sind unser Mann, lassen Sie uns ins Geschäft kommen!«, hätte der Franzbranntwein-Vertreter der Firma »Alpa« vermutlich gelockt - hatte Faßnacht seinen Spielern dieses Allheilmittel doch stets zur Einreibung der eigenen Gliedmaßen empfohlen. Aber damals: Pustekuchen.

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Balltraining mit dem Medizinball

Faßnacht war ein Schleifer vor dem Herren. Er ließ Trainingsspielchen so lange laufen, bis seine Mannschaft endlich gewonnen hatte - und dauerte es bis in die tiefe Nacht. Er ließ seine Spieler beim Konditionstraining Blut und Wasser schwitzen, als gäbe es kein Morgen und ordnete Balleinheiten mit Medizinbällen an. Hatte der Chef im Ring ganz besonders gute Laune, drosch er seinen Tormännern aus kurzer Distanz Volleyknaller in Serie um die Ohren. Wenn auch der fitteste Spieler dann aus dem letzten Loch keuchte, hatte Faßnacht immer noch einen guten Spruch parat.

»Es gibt Menschen, die interpretieren Autorität als faschistoide Charaktereigenschaft. Ich bin da anderer Meinung«, ließ er 1982, quasi altersmilde verlauten. Eine professionelle Einstellung zum Beruf forderte er von seinen Spielern ein und wusste die Herren zur Not mit seinen Mitteln einzunorden.

Nickerchen auf der Trainerbank

In puncto Einstellung richtete Faßnacht aber anscheinend mit zweierlei Maß. Wie aus gut unterrichteten Kölner Kreisen überliefert ist, erschien der Schüler Weisweilers zum Abschlusstraining durchaus mal mit leichtem Restdruck auf dem Kessel. Dann kam er, sah und schlief. Machte es sich einfach auf einer Bank bequem und lies in seinem Rücken die trainierenden Spieler trainierende Spieler sein. Kritik aus der Mannschaft: unvorstellbar. Dass Faßnacht dem Alkohol etwas stärker zugetan war, wurde ihm erst 1974 zum Verhängnis. Sein künftiger Verein Eintracht Braunschweig suspendierte ihn bereits vor Dienstantritt wegen Alkoholproblemen.

Von Kiel bis Heilbronn

Faßnacht war im Laufe seiner Trainerkarriere bei acht verschiedenen Vereinen tätig. Zunächst heuerte er bei Holstein Kiel an, ehe er nach Zwischenstation in Villingen ab 1970 den MSV Duisburg trainierte. Hier feierte Faßnacht seine größten Erfolge, vielleicht gerade deshalb, weil seine Wertvorstellungen von Ehrlichkeit und Einsatz besonders gut zum Ruhrpott passten.

Gleich in der ersten Spielzeit unter dem neuen Trainer brachten die Zebras das Kunststück fertig, im heimischen Wedaustadion ungeschlagen zu bleiben. Außerdem nahm Faßnacht den jungen Bernhard Dietz unter seine Fittiche und schulte den bisherigen Torjäger zum Abwehrspieler um. Dietz sollte diese »Neuinterpretation« seiner Spielanlage gut bekommen - als Kapitän führte er die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 1980 zum Titel.

»Ihr braucht Vitamine«

1973 nimmt die Beziehung zwischen Faßnacht und dem MSV ein jähes Ende. Als erster Trainer in der Geschichte der Bundesliga tritt der gebürtige Schwabe von seinem Amt zurück. Ab 1975 trainiert er Preußen Münster in der zweiten Bundesliga, seine Trainingsmethoden bleiben aber nach wie vor fragwürdig. Der ehemalige Preußen-Spieler Hans-Werner Moors tritt 2007 im Sog von Peter Neururer an die Öffentlichkeit und gibt zu, unter Faßnacht das Dopingmittel »Captagon« genommen zu haben. Der Trainer hat die Pillen angeblich sogar offeriert: »Probiert das mal, ihr braucht Vitamine«.

Duftwasser und Concorde

Nach seiner Trainerkarriere machte Rudi Faßnacht auf Geschäftsmann. Allerdings bediente er dabei eine Branche, die man so einer kantigen Persönlichkeit nicht unbedingt zugetraut hätte: Düfte. Er betrieb neben einem Sportgeschäft mehrere Parfümerien.

Am 25. Juli 2000 trat Faßnacht mit seiner Frau eine Reise nach New York an. Sie bestiegen in Paris eine Concorde, deren Triebwerke nach dem Start Feuer fingen. Das Flugzeug stürzte ab und das Ehepaar kam in den Trümmern des Wracks ums Leben. Was bleibt ist die Erinnerung an einen Fussball-Lehrer, den man sich in der heutigen Zeit nicht einmal mehr ausdenken könnte.