Zum 1. Todestag von Michael Tönnies

Kostbarer als alle Trophäen

Mit neuer Lunge begann für ihn ein zweites Leben. Er fand eine neue Liebe, wurde Co-Stadionsprecher des MSV und intonierte vor jedem Heimspiel mit den Fans die Aufstellung. »Danke!«, rief er ihnen am Schluss jedes Mal zu. »Bitte!«, schallte es ihm aus tausend Kehlen entgegen. Hier war das kein abgedroschenes Ritual. Hier dankte ein alter Fußballer seinen Anhängern, dass sie ihn vor dem bitteren Ende bewahrt hatten. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: »Ohne euch wäre ich nicht mehr hier.«

Mit seinen Toren hatte er sich zwar einst in ihre Herzen geschossen. Doch das allein reicht nicht, um ein Held zu sein. Vieles im Leben des Michael Tönnies war wenig heldenhaft. Wie er sich schließlich seinen Schwächen und Ängsten stellte und sie überwand, war es hingegen sehr. Dass er zudem in der Phase zurückkehrte, als der MSV nach dem Lizenzentzug kurz vor dem Aus stand, rechneten sie ihm hoch an.

Kostbarer als alle Trophäen

Trotz allem ist er keine 60 geworden, sodass manche sagten, die Transplantation habe sich nicht gelohnt. Die haben nichts verstanden. Denn es ist nicht allzu lange her, da wäre Michael Tönnies beinahe unbemerkt verschwunden. Dass dies nicht geschah und er sogar zurückkehrte, ist eine der schönsten Geschichten, die diese Stadt je geschrieben hat. Fast vier Jahre sind ihm geschenkt worden, in denen er ein Leben genoss, wie er es nicht mehr erwartet hätte. In denen jeder Tag wie ein Sieg war. Richtig geile Jahre, hätte Michael Tönnies gesagt.

Ein Jahr ist seit seinem Tod vergangen. Doch etwas von ihm ist noch da. Auf dem Weg zur heimischen Nordtribüne strömen die Fans vorbei an seinem lebensgroßen Abbild: Wie er seinen stämmigen Körper zur Seite wirft und zugleich mit dem rechten Fuß lässig den Ball schlenzt, dieser Mischung aus Können, Kraft und Coolness, die ihn auf dem Rasen immer ausgezeichnet hat. Seit einem Jahr trägt der Platz vor der Tribüne seinen Namen.

Kostbarer als alle Trophäen der Welt

Mag sein, dass der MSV niemals große Titel gewinnen wird. Aber dieser Ort wird die Duisburger stets daran erinnern, dass sie einmal etwas gerettet haben, das viel kostbarer ist als alle Trophäen der Welt.

Ein Menschenleben.

Info zum Autor:

Mit sieben Jahren saß Jan Mohnhaupt erstmals im Duisburger Wedaustadion und sah, wie Michael Tönnies fünf Tore gegen Oliver Kahn schoss. Von 2013 bis 2015 begleitete er Tönnies und schrieb eine Biografie über das Idol seiner Kindheit.
Auf der Kippe – Die zwei Leben des Michael Tönnies
Von Jan Mohnhaupt
Verlag Die Werkstatt
232 Seiten, 19,90 Euro

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