Zu Thomas Hitzlspergers Bekenntnis

Der Fußball muss Farbe bekennen

Es existiert, Stand heute, eine merkwürdige Mischform aus existierenden und fiktiven Zuständen. Da ist einerseits eine ganz reale Schwulenfeindlichkeit, die sich immer wieder Bahn bricht. Wenn Trainer wie Christoph Daum keine Grenze zwischen Homosexualität und Phädophilie ziehen wollen, wenn im Mannschaftskreis dumm daher geredet wird oder wenn manche Ultragruppen die Konkurrenz mit homophoben Sprüchen schocken wollen.

Daneben gibt es aber auch noch eine lediglich angenommene Realität, die davon ausgeht, dass ein schwuler Profi nach seinem Coming-out Schlimmes zu befürchten hätte, dass er in den Stadien bepöbelt und in der Kabine geschnitten würde.

Überwiegend Sympathie und Anerkennung

So wird es wohl nicht kommen. Schon jetzt zeigen die Reaktionen im Netz, dass ihm weit überwiegend Sympathie und Anerkennung entgegen gebracht wird. Wenn er wollte, könnte er in den nächsten Wochen durch die Talkshows flanieren. Er wird sich dem wohl entziehen, schon weil ihm die Vorstellung, in Zukunft auf seine sexuelle Orientierung reduziert zu werden, ein Graus sein dürfte.

Ebenso wenig wird Hitzlspergers Coming-out dazu führen, dass ihm nun massenweise andere Kicker folgen werden. Das liegt an den Zuständen, die er im »Zeit«-Interview treffend beschrieben hat. »In England, Deutschland oder Italien ist Homosexualität kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls«, sagt er.

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Durch Hitzlspergers Schritt muss die Fußballgesellschaft Farbe bekennen. Will sie in alten Denkmustern verharren und sich entlang antiquierter Geschlechterrollen definieren oder will sie nun einen Schritt machen – hin zu einem Sport, in dem schwule Profis ebenso stinknormaler Alltag sind wie heterosexuelle. Wenn man so will, hat der Fußball also sein Coming-out noch vor sich.