Zu Gast im „Salon Erika“

Kühles Bier und schöne Schenkel

Der FC Winterthur ist Schweizer Zweitligist. Klingt trostlos, ist es aber nicht. Denn der FCW ist anders, sozusagen die eidgenössische Variante des FC St. Pauli. Doch etwas wie den „Salon Erika“ gibt es nicht einmal am Millerntor. Imago Balu Wiesmann mag keinen Prosecco, sie entscheidet sich für Gerstensaft: „Bier ist etwas Gutes“, sagt sie und nimmt einen beachtlichen Schluck ihres Lieblingsgetränks. Die Brüder Filip und Michel Haller hingegen nippen lieber am Prosecco. Alle drei sind Ende 30, eingefleischte Winterthurer, langjährige Freunde und Betreiber des „Damen- und Herrensalon Erika“ – einem im Stadion des FC Winterthur beherbergten Eldorado für 60er und 70er Jahre Kitsch. Dieser Salon befindet sich im Stadion an der Schützenwiese, integriert in die Fankurve des FCW – die so genannte Bierkurve. Klingt ungewöhnlich, und genau das ist es auch.

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Ohnehin ist der FCW der etwas andere Schweizer Verein: Obwohl selber chronisch klamm, unterstützt der Zweitligist lokale Behinderteneinrichtungen, Hilfswerke und die Künstlerszene. „Im eigentlichen Sinne sind wir politisiert, auf keinen Fall aber parteipolitisch“, sagt Geschäftsführer Andreas Mösli. Bislang wurde der FCW dreimal Schweizer-Meister – 1906, 1908 und 1917. Seither konnten zwar keine Titel mehr errungen, dafür jedoch Achtungserfolge im Ligacup gefeiert werden: Viermal schafften die Mannschaft es ins Finale, um im entscheidenden Match jedoch stets zu verlieren. Der letzte Titelgewinn ist aber keine Lichtjahre entfernt. Er datiert von Anfang 2007, da gewann der FCW ein Hallenturnier in Fürth. Immerhin. Doch im Ligaalltag ist der Klub seit dem Aufstieg 1998/99 im grauen Mittelfeld der zweiten Schweizer Liga, der „Challenge League“ beheimatet. Und sein in die Jahre gekommenes Wohnzimmer bietet Platz für 12.000 Zuschauer, aus Sicherheitsgründen sind aber nur 8.500 zugelassen. Im Durchschnitt erscheinen rund 2.000 Fans zu den Ligaspielen, so auch am achten Spieltag gegen den FC Locarno.

Und wer in der Bierkurve steht, passiert zwangsläufig den Salon Erika. Dort wird zwar kein Bier ausgeschenkt, dafür aber Prosecco aus Plastikbechern sowie Korn und Zwetschgenwasser. Auf rund zehn Quadratmeter verteilt erblickt das Auge allerhand Trashiges: An der Decke hängen grün-gelb-rot-blaue Lichterketten und filigran gebastelte Wildgänse. Und an den Wänden tummeln sich Jesus-Kitsch auf rotem Samtteppichimitat nebst mit Butterblumen bewachsenem Kunstrasen, dazu Fotos vom „Angelklub Bierkurve“ und dem „Kegelklub Hildegard“ sowie Konterfeis von prominenten Blondinen – Lady Di, Martina Navratilova, Nicole oder Thomas Gottschalk.

Das tragende Element des Salon Erika ist nicht etwa die immense Ansammlung von Krims-Krams. Vielmehr ist dies die einzige weiße Wand des Raumes. Jene Wand, an der im Abstand von drei bis vier Wochen lokale Künstler mit ihren Exponaten aufwarten. „Bis jetzt waren es zwölf Ausstellungen“, erinnert sich Balu. Aktuelles Thema: Sportverletzungen. Zu sehen sind Röntgenaufnahmen, Gipsschienen, Armbinden sowie ehemals in Knochenmark befindliche Platten, Schrauben und Nägel. Herrlich banal, aber reizend.

Erich und Erika

Der Kitsch-Container existiert seit etwas mehr als zwei Jahren. Filip – braun gebrannt, unrasiert, Typ Heiner Lauterbach – hatte die Idee, Kunst und Prosecco während der FCW-Heimspiele anzubieten. Daraufhin fragte er seine Nachbarin, ob sie ihm beim Einrichten helfen wolle. Und seine Nachbarin ist Balu. „Sie hatte eine beachtliche Sammlung an Kitsch und Trash in Petto“, wie Filip mit strahlenden Augen zum Besten gibt. „Was der Inneneinrichtung noch fehlte, wurde auf Trödelmärkten und Haushaltsauflösungen gekauft“, so Michel. Heraus kam eine geballte Ladung des geschmackvoll Geschmacklosen. Das Schmankerl unter allen Gegenständen: eine rund 120 Zentimeter große Kunststoffausgabe von Juri Gagarin in Weltraumkluft. Er thront auf dem Dach des „Salons Erika“ und hält eine orange Leuchte in der rechten Hand, die nach jedem FCW-Tor aufblinkt. Zudem weisen eine schwarze und eine graue Hupe an der Fassade des Salons zeitgleich zum gagarinschen Leuchten unüberhörbar darauf hin, dass ein Tor für den FCW gefallen ist. Und an diesem Tag wird das alphornähnliche Gebläse zweimal ertönen.

Der Salon Erika ist weitaus mehr als ein überdachter Trödelmarkt. „Von Zeit zu Zeit gibt bei uns auch Lesungen“, sagt Balu nicht ohne Stolz. Mitunter sitzt eine Frisörin im Salon und färbt die Häupter der FCW-Anhänger kostenlos in den Vereinsfarben – rot und weiß. Ebenso kürt der Salon den Fan des Monats und initiiert „Erikas Torklub“. Beim Torklub tippen die Fans das Ergebnis des Heimspiels, der Erlös kommt einem gemeinnützigen Projekt zu Gute. Beispielsweise werden dadurch Deutschkurse für anderssprachige FCW-Spieler finanziert oder eine Kinderfußballschule im lokalen Frauenhaus aufgebaut. Auch Erich Hürzeler – von 2001 bis 2005 Keeper der Ersten Mannschaft – verdankt Erikas Torklub seine neue Existenz. Denn nach seiner Spielerlaufbahn stand er ohne Perspektive da. Für die Fankurve Grund genug, ihm eine zu eröffnen: Die Fans haben sich dazu entschlossen, Erich Hürzeler einen Container zu kaufen, indem er Grillwurst im Stadion an der Schützenwiese verkaufen kann. Seither gibt es „Erich´s Wurstcontainer“.

Dr. Hausfrau und die Bierleader

Erich wohnt gleich neben Erika. Und beide sind eingebettet in die so genannte „Bierkurve“ – das Areal der treuen und stimmgewaltigen Fans des Ostschweizer Fußballvereins. Und diese Bierkurve ist ein Sammelbecken der alternativen Szene aus dem Kanton Zürich, respektive Winterthur und Umgebung: Rockabillys, Punks, Emos, Grufties, Hip Hopper und vermeintliche Normalos vermischen sich in der Bierkurve zu einem rot-weißen Pulk. Der Name der Kurve geht auf einen Ex-Spieler zurück: „Renato Brugnoli nannte uns vor sieben Jahren, „die, die in der Bierkurve stehen“. Seither hat sich der Name bewährt“, sagt Andreas Mösli, der 2003 vom Bierkurven-Mitglied zum Geschäftsführer des FCW avancierte. Die Bierkurve ist keine Kurve wie jede andere: Hier gab es während der Halbzeitpause schon zehnminütige Punkkonzerte. Ebenso betreiben die Fans ihren eigenen Verkaufsstand – den Bierkurve-Shop, einen autonomen Fanladen, wenige Schritte hinter der Kurve.

Aus dem Kreis der Bierkurve hat sich eine Showtanzgruppe gebildet. Getreu dem Vorbild von US-Cheerleaderinnen formierte sich ein Dutzend bierbäuchiger FCW-Anhänger, um eine Tanzshow auf die Beine zu stellen. In eigens gefertigten rotweißen Röckchen mit bauchfreiem Top versammelten sich die trinkfesten und beleibten Männer zum Heimspiel gegen den FC Vaduz im Mai 2005, um sich zu Klängen von Metallica und Konsorten auf dem Spielfeld zu räkeln. Dieser Auftritt ging in die Vereinsanalen ein, ist bei youtube zu bestaunen und lässt sich auf vergoldeten Sammelkarten an einer der Wände im Salon Erika wieder finden. Noch heute schwärmen sie im Umfeld des Vereins vom lasziven Auftritt der Bierleader. So auch Balu, die sich die nächste Zigarette anzündet.

Sie raucht eine nach der anderen. Denn in einigen Minuten – kurz vor Anstoß – wird das nicht mehr möglich sein, „dann ist der Laden proppenvoll. Er ist immer proppenvoll“, wie Balu zu verstehen gibt. Vor ihrer Liaison mit dem Salon Erika, der Bierkurve und dem FCW fand sie Fußball ausgesprochen doof – der klassische „22 Männer rennen einem Lederball hinterher und streiten sich dabei“-Kritikpunkt. Doch Balu verliebte sich auf Anhieb in das Umfeld des Vereins. „Der FCW  ist für mich das Dorf in der Stadt. Aber am meisten fasziniert mich die Bierkurve.“, gerät sie ins Schwärmen. Was sie sonst so macht, wenn sie nicht in ihrem kitschigen Kleinod steht? „Ich habe drei Kinder und einen Hund, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie mein Ex und John Travolta.“ Anfangs sollte Balu lediglich gestalterisch tätig sein, die eine oder andere Deko-Aufgabe im Salon Erika übernehmen. Denn einst hat sie für hochrangige Werbeagenturen illustriert, somit ein feines Händchen für optische Belange bewiesen. Bis ihr diese Werbewelt zuwider wurde. Seither firmiert Balu unter „Dr. Hausfrau“, malt haufenweise abstrakte Bilder und steht hinterm Salon-Tresen. Dort ist sie auch heute und verfolgt das Spielgeschehen durch die Fensterscheiben – so gut es geht zumindest, denn der Salon brummt tatsächlich.

Balus Kleidung ist schwarz, von Kopf bis Fuß. Der akkurate Mittelscheitel steht in krassem Kontrast zu ihren langen wilden schwarzen Locken, die ihr ein wenig die Sicht versperren. Einzig ein silberner Nietengürtel, ein  violettfarbener Ring und das glänzende Piercing an der Unterlippe durchbrechen die optische Dunkelheit der Frau mit dem sonnigen Gemüt. Sie macht den Anschein, ganze Abende mit Geschichten füllen zu können. Das kann sie vermutlich auch. Während Balu spricht, redet sie mit Händen und Füßen: „Fussball bedeutet für mich: schöne Männerschenkel auf schönem Grün, kämpfen um einen schön runden Ball, und ich trink ein schön kühles Bier.“

Wie St. Pauli, nur in klein

Balu haut mit der linken Hand auf den widerspenstigen CD- und Kassettenspieler, der stets einen Anstoß braucht, um reibungslos abzulaufen. Aus ihm ächzen „The Hives“, die „Kaiser Chiefs“ sowie lokale Punk-Musik gefolgt von Drum´N´Bass. Doch nun wird die Salon-Musik übertönt. Denn aus den Stadionboxen dringt „Hell´s bells“ von „AC/DC“, und die Mannschaften betreten den Platz. Das ist nicht der einzige Moment, der im Zuge eines Besuchs beim Stadion an der Schützenwiese an das Millerntor und die „Singing Area“ des FC St. Pauli erinnert. Es gibt gleich mehrere Parallelen: Linke Fanszene, wenig Geld, sportliches Mittelmaß und ein charmant marodes Umfeld. „Ein St. Pauli-Fan meinte nach einem Stadionbesuch im Januar, es sei hier wie am Millerntor vor zehn Jahren. Wir  sind definitiv ein bis zwei Nummern kleiner als der FC St. Pauli, quasi die Schweizer-Taschenausgabe“, sagt Mösli schelmisch. Als im Januar 2008 ein Hallenturnier in Winterthur stattfand, an dem auch der Kiez-Klub teilgenommen hatte, standen FCW- und St. Pauli-Fans gemeinsam in der Kurve. „Ein Teil der Paulianer übernachtete in unserem Stadion – in Betten, die wir in den Umkleidekabinen aufgestellt haben. Die Bierkurve wurde daraufhin erstmals zum Fanturnier des FC St. Pauli eingeladen“, freut sich Mösli über die nicht offizielle-, doch zumindest gefühlte Fanfreundschaft.

An diesem Tag sind zwar keine Paulianer zugegen, doch der eine oder andere braun-weiße Schal ist in der Bierkurve zu sehen. Daraus macht sich Balu nichts: „St. Pauli ist ganz nett, aber ich stehe halt im Salon Erika in der Bierkurve, und so was gibt es selbst am Millerntor nicht“, sagt sie. Grund genug, um Stolz zu sein, gibt es heute allemal. Denn Balu Wiesmann, Andreas Mösli, Filip und Michel Haller sowie die Bierkurve können einen ungefährdeten 2:0 Heimsieg bejubeln, das Alphorn war zweimal deutlich zu vernehmen, Juri Gagarin durfte zweimal aufleuchten, und der FCW festigt den zweiten Tabellenplatz. Das alles dank No-Names wie Ohayon Moshe und Viola Yohan Kely – dem heutigen Tageshelden. „Letztes Jahr waren wir Sechster. Aber in dieser Saison ist mehr drin“, sagt Balu kurz nach dem Schlusspfiff voller Hoffnung und öffnet einige Flaschen Prosecco. Denn gleich wird der Salon Erika wieder vor Menschen überquellen. Vorher jedoch zieht Balu an einer Zigarette und leert eiligen Schluckes ein Glas Bier.