Zu Gast beim Non League Day

Clapton, ein Ort für Nostalgiker

Doe setzte eine Facebook-Seite auf, schrieb ein Datum dazu und nannte das Ganze Non League Day. Und dann ging es auf einmal rasend schnell. Die BBC veröffentlichte einen längeren Artikel über ihn. Ein Freund setzte eine Website auf und entwarf ein Logo, bald kam eine Online-Karte dazu, mit der man herausfinden kann, in welcher Gegend wann welche Non-League-Spiele stattfinden. Im Laufe der Jahre wurde die Initiative immer größer. Mittlerweile trendet der Non League Day mit dem gleichnamigen Hashtag regelmäßig auf den ersten Plätzen bei Twitter. Mittlerweile besteht das Non-League-Team aus neun Mitarbeitern, alle arbeiten ehrenamtlich. Und die Idee wurde unlängst weitergetragen, in Deutschland hat sich 2014 mit der »Lokalrunde« ein ähnliches Projekt gegründet, und dieses Jahr hat eine holländische Mannschaft angekündigt, den Non League Day zu adaptieren.

Oft wird Doe gefragt, warum er keine Sponsoren ins Boot hole oder seine Idee anders zu Geld mache. Er sagt dann: »Es geht um die Vereine und nicht um mich.« Ein Satz, den man im Fußball oft hört und auf dem normalerweise tonnenweise Pathos liegt, bei Doe klingt er einfach nur ehrlich, so leise spricht er ihn aus. Er ist eh keiner, der sich profilieren möchte. Wenn man Freunde oder seine Frau fragt, was sie an ihm mögen, lachen sie und erzählen zum Beispiel von seiner selbstlosen Art – während er sich die Ohren zuhält, weil er nicht so recht weiß, wie er mit dem Lob umgehen soll.

»Happy NLD everyone!«

Nach dem Park Run setzt sich der NLD-Gründer in die Bahn und fährt nach St. Albans, 30 Kilometer nordwestlich vom Londoner Zentrum. Es geht heute gegen Hampton & Richmond Borough FC. Kurzer Blick auf Twitter. Der Non League Day liegt auf Platz zwei in den Trends, hinter dem International Beard Day. Ein User schreibt: »Endlich! An diesem heiligen Tag kann man als Amateurfan auf die Straße gehen, ohne von anderen blöd angeguckt zu werden! Happy NLD everyone!«

Aber stimmt das im Jahr 2016 überhaupt noch? Jedenfalls wird der Amateurfußball auch an gewöhnlichen Wochenenden in England wieder populärer. Does Initiative hat einen Teil dazu beigetragen, sicher, und der Gigantismus der Premier League hat den Rest erledigt. Gerade in London kann man eine Rückbesinnung auf das Kleine und Unprätentiöse gut beobachten. Fans, die sich die unverschämten Premier-League-Tickets nicht mehr leisten können oder wollen. Die es satthaben, dass alles vermarktet wird, vom Eckball bis zum Pausenpfiff. Die mal wieder ein Bier trinken oder einfach pöbelnd und fluchend auf einer Stehtraverse stehen möchten.

Allerdings hängt das Interesse am Amateurfußball auch stark von der Gegend und den Vereinen ab, erklärt Doe. Am Tag vor dem Non League Day findet im Londoner Vorort Reigate ebenfalls ein Spiel statt: South Park FC trifft im FA-Cup auf die Dorking Wanderers, aber es kommen nicht mal 120 Zuschauer.

Bei genauer Betrachtung ist das nicht verwunderlich: Der Platz ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwierig zu erreichen, der Verein macht kaum Werbung für das Spiel. Andere Vereine wie Dulwich Hamlet oder Clapton FC haben bessere Voraussetzungen. Gerade nach Dulwich zogen in den vergangenen Jahren viele Studenten und junge Künstler, und der Verein empfing sie mit offenen Armen. »Viele Vereine machen die Profiligen für ihre finanzielle Situation verantwortlich«, sagt Doe. »Ich finde das falsch. Sie müssten einfach aktiver und offener werden, um neue Fans zu gewinnen oder die alten zurückzuholen.« Zum Siebtligisten Dulwich Hamlet kommen mittlerweile regelmäßig über 2000 Fans.

Les Ferdinand und Alan Smith in der 6. Liga

Ähnlich ist es bei Clapton, neunte Liga, East London. Noch 2012 besuchten durchschnittlich gerade mal 43 Zuschauer den Old Spotted Dog. Eines Tages aber gründete sich eine linksalternative Szene samt Ultragruppe um den Klub, und die Besucherzahlen schnellten in den dreistelligen Bereich. Im Oktober 2015, beim Derby gegen Ilford, waren knapp 800 Zuschauer im Stadion. Auch Doe fährt gerne hin. »Ein Ort für Nostalgiker«, sagt er. »Mein Lieblingsstadion in London.«

Zum Spiel in St. Albans kommen über 1000 Fans, doppelt so viele wie üblich, und sie bleiben sogar, als es ab der 50. Minute in Strömen regnet und die Gäste aus Hampton frühzeitig das 4:2 schießen. Hier, im Clarence Park, wird deutlich, was der Non-League-Day-Chef mit der Brücke zwischen ganz oben und ganz unten meint. In der Halbzeitpause stehen Les Ferdinand und Alan Smith im Mittelkreis und geben ein Interview. Ein Junge im Ronaldo-Trikot hält das Mikrofon, so muss Doe früher ausgesehen haben: große Augen, zitternde Hände. Der Stadionsprecher stellt die Fragen. Aber dann versagt die Technik. Als Ferdinand erklären soll, was er vom Non League Day hält, hakt das Funksignal. Man hört Knacken, Piepsen, schließlich nichts weiter als Satzfetzen: »Fantastic ... and ... Non ... eague Da ... ardy!« Doe beobachtet das Geschehen von der Stehtraverse aus. Egal? »Ach ja, bisschen schade«, sagt er, »gerade bei der Frage.«