Zu Gast beim Non League Day

Mit Superheldenkostüm gibt's freien Eintritt

Auch dieses Jahr gibt es im Rahmen des Non League Day etliche Dinge zu entdecken: Beim Neuntligisten South Shields FC bekommen Fans freien Eintritt, wenn sie in einem Superheldenkostüm zum Spiel erscheinen. Bei Great Yarmouth Town aus der Küstenstadt Norfolk, ebenfalls neunte Liga, verteilt der Präsident geräucherte Heringe. Und St. Albans City, sechste Liga, Londoner Speckgürtel, hat die ehemaligen Profis Les Ferdinand und Alan Smith eingeladen, schließlich wohnen beide im Viertel. Support your local football club.

Von diesen und anderen Geschichten möchte Doe bei Sky erzählen. Aber erst mal muss er die Aufregung in den Griff bekommen, Schlückchen Wasser, kurzer Smalltalk, geht schon. Als er die Bühne betritt, zittern die Hände zwar immer noch, trotzdem meistert er die Fragen bravourös. Warum haben Sie den Non League Day gegründet, James? »Weil viele Leute nicht mal wissen, dass es auch in ihrer Nachbarschaft schönen Fußball und tolle Stadien gibt.« Ein Protest gegen die da oben? »Nein, ich möchte eher die Lücke zwischen den Profis und den Amateuren schließen.«

»Wer wird der neue Jamie Vardy?«

Nur bei einer Frage stockt er. Dabei hat er sie in den letzten Monaten häufiger gehört. »Wer wird der neue Jamie Vardy?«, möchte der Moderator wissen. Wer schafft es von einer unbekannten Non-League-Mannschaft an die Spitze der Premier League? Der Interviewte überlegt, dann gibt er zu, dass ihm keiner einfällt. Als er das Studio verlässt, ärgert er sich. Der Sohn eines Freundes spielt in einem Amateurteam, guter Junge, super Spieler. »Warum habe ich nicht seinen Namen genannt? Ich hätte ihn sehr stolz machen können.«

Dann schaut er auf sein Handy und teilt ein paar Tweets. Einer gefällt ihm besonders: St. Albans City, die zum ersten Mal ein Heimspiel am Non League Day haben, schreiben, warum man den Amateurfußball lieben sollte: »It’s about 3 pm and that saturday feeling«, steht da zum Beispiel. Oder: »It’s about a hotdog and a cold pint.« Und: »It’s about shouting and cheering on the terraces.« Doe lächelt. Stehplätze, Bier, Anstoß am Samstag um 15 Uhr – klingt nach dem Fußball, den er und viele englische Fans nur noch aus ihrer Kindheit kennen. 

Warum all die Superlative, wenn das Schöne im Kleinen liegt?

Am Samstag steht der Non-League-Fan um sechs Uhr auf. Mit wachem Blick schlendert er zum Wormwood Scrubs Park, Shepherd’s Bush. Nur noch ein paar Stunden, bis in tausenden britischen Stadien Spiele unter seinem Non-League-Day-Motto angepfiffen werden. Aber jetzt ist die Aufregung wie weggeblasen, und während London, diese Megametropole, immer weiterrast, minütlich tolle Moden und noch tollere Projekte in die Straßen spuckt, steht Doe am Rande des Parks, in sich ruhend, beinahe meditierend, als würde er einen buddhistischen Tempel betreten. Er sieht die Dinge pragmatisch: Warum all die Superlative, wenn das Schöne oft im Kleinen vor der eigenen Tür liegt? Warum die ewige Eile, wenn einem dabei die Luft zum Atmen ausgeht?

»Hab ausgeschlafen«, sagt er und schlendert los. Unter der Woche muss er oft gegen 4 Uhr hoch, denn er arbeitet bei der Bahn. Früher war er auch mal als Journalist tätig, vor allem im Social-Media-Bereich. Dann zog seine Redaktion um, und er brauchte dringend einen neuen Job. Die Medienbranche schien ihm zu unstet, also heuerte er als Railway Manager an. »Ach«, sagt er, »ich mag den Job.« Zumindest ist er sicher: Zug fahren die Leute immer. 

Verrückt, dass vorher niemand auf die Idee gekommen ist.

Der heutige Samstag beginnt mit einem Park Run, ein Wettrennen für Hobbyläufer aus der Nachbarschaft, gute fünf Kilometer, Doe belegt einen Platz im vorderen Mittelfeld. Danach Tee, Haferkekse, Smalltalk. Eigentlich verrückt, sagen die Leute, wenn man sie nach James Doe und dem Non League Day fragt. Verrückt, weil vorher niemand auf die Idee gekommen ist. Dabei war es so naheliegend.

Doe hatte schon immer ein besonderes Verhältnis zum Amateursport. Er verfolgt bis heute zwar auch einen Profiklub, die Queens Park Rangers, aber er wuchs vor allem mit Non League Football auf: Seine eigentliche Liebe heißt Harrow Borough FC, ein Verein, der seit Jahrzehnten in den Niederungen der unteren Ligen feststeckt. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern ging er in Harrows Earlsmead Stadium ein und aus, stand dort mit fünf Freunden zwischen 150 Zuschauern. Jedes Heimspiel, jedes Auswärtsspiel, oft noch die Reserve. Die Schulfreunde schauten ihn oft mitleidig an, ein Siebtligist, wer geht da freiwillig hin? »Aber es ist um die Ecke, ich kenne die Leute, die Spieler, da fühle ich mich wohl«, antwortete der vermeintliche Sonderling dann.

Wenn er nicht gerade den Non League Day vorbereitet, pflegt er seinen Blog: The London Football Guide. Dort informiert er jede Woche mit zahlreichen kleinen Hintergrundberichten über anstehende Spiele in Englands Hauptstadt, fast ausschließlich aus dem unterklassigen Bereich. Natürlich schreibt er auch über den Non League Day, dieses Jahr empfiehlt er unter anderem einen Besuch in einem Stadion, das fast auseinanderfällt: Es ist der Old Spotted Dog, Heimspielstätte des Clapton FC, das älteste Fußballstadion Londons, Baujahr 1888.

Vielleicht war es kein Zufall, dass ihm die Idee mit dem Non League Day im Sommer 2010 kam. Das Jahr stellte mal wieder eine Zäsur im europäischen und vor allem im englischen Fußball dar. Die Transfersummen schossen in schwindelerregende Höhen, Ronaldo wechselte für 94 Millionen Euro nach Madrid, Berbatow ging für 38 Millionen zu Manchester United. Insgesamt machte die Premier League einen Transferumsatz von über einer Milliarde Euro, und als schließlich Arsenal die 100-Pfund-Grenze für ein normales Ticket durchbrach, sagte Malcolm Clarke, Chef der Football Supporters’ Federation: »Der Profifußball lebt nicht mehr in derselben Welt wie wir.« 

Was machen all die Fans der Profiklubs an spielfreien Samstagen?

Auch Doe bekam mit, wie die Schere zu den Amateurklubs immer größer wurde. Sein Klub Harrow startete im Sommer 2010 einen Spendenaufruf. Es ging nicht um neue Spieler, nicht um moderne Trainingszentren, es ging um einen verdammten Flutlichtmast, der kaputt war. Doe fragte sich in jener Zeit häufiger, wie man die Leute zurück zum lokalen Fußball holen könnte. Und dann schaute er eines Tages auf den Spielplan und überlegte, was all die Fans der Profiklubs eigentlich an spielfreien Samstagen machen. Diese 556 898 Zuschauer, die an einem gewöhnlichen Spieltag in der Saison 2009/10 zu ihren Premier-League- oder Championshipklubs tingelten. Langweilen sie sich zu Hause bei der Realityshow »Don’t Tell the Bride«? Betrinken sie sich alleine zu Hause?