Zu Ehren von Robert Enke: Florian Fromlowitz erinnert sich

Ich weinte und weinte

Später schossen mir immer mal wieder Szenen aus den letzten gemeinsamen Wochen in den Kopf. Da war etwa das vorletzte Spiel in Köln. Unser Torwarttrainer Jörg Sievers war nicht mitgekommen, daher schoss ich Robert warm. Das ist unter Torhütern nicht unbedingt normal, doch Robert fand es offenbar gut, wie ich ihm die Bälle zuschoss, und das ehrte mich. Nach dem Einschießen sagte er, beinahe beiläufig: »Flo, du wirst hier bald deine Spiele bekommen.« Ich verstand ihn damals nicht. Heute läuft es mir kalt den Rücken runter.

Vom Selbstmord erfuhr ich am Telefon von meinem ehemaligen Mitspieler Bastian Schulz. Ich kam an jenem Dienstag von einem Stadtbummel mit meiner Frau heim. »Bastian, darüber macht man keine Scherze«, sagte ich. Doch dann schaltete ich den Fernseher an. Die flimmernden Bilder von den Schienen in Eilvese, die Lichter, die Kameras, das Entsetzen. Wir trafen uns am späten Abend am Stadion. Noch auf dem Weg dahin wollte ich es nicht glauben. Erst als ich in die Gesichter meiner Mitspieler blickte, in diese traurigen Augen, kam mir die Gewissheit. Ich hatte den Tod bis dahin nie so nah erlebt; die Wucht war gewaltig. Als ich wieder zu Hause war, brach es aus mir raus, ich weinte und weinte, und meine Frau weinte auch.

Die kommenden Tage verbrachte ich in Kaiserslautern, um Abstand zu gewinnen. Als ich zurückkam, erschlug es mich fast. In den Zeitungsberichten war zu lesen, dass ich die unmenschliche Last des Enke-Erbes tragen würde. Und als ich zum Stadion fuhr, durchquerte ich eine trauernde Stadt, über die sich eine bleierne und beinahe unwirkliche Schwere gelegt hatte. Doch jeden Morgen mussten wir feststellen, dass es kein Albtraum war. Auf dem Trainingsplatz das leere Tor, in der Kabine der leere Platz. Dann gab es diese riesige Trauerzeremonie im Stadion. Dazu jeden Tag neue Berichte, neue Interviews, neue Bilder.

Ich habe mich in dieser Zeit oft gefragt, wie man richtig mit Roberts Tod umgehen soll. Manchmal dachte ich: Er war krank, und sein Selbstmord war sicherlich keine Heldentat. Warum dachte also niemand an die, die unter all diesen Eindrücken weiterspielen oder weiterleben sollen? Andererseits wusste ich auch, dass die Menschen in Hannover eine besondere Beziehung zu Robert hatten. Wie verabschiedet man also so eine Person, ohne dass die Weggefährten unter der Wucht zusammenbrechen? Irgendwann schaltete ich den Fernseher aus. Ich wollte nicht mehr an Fußball denken. Und ich wollte ich mich nicht damit beschäftigen, dass ich nun ins Tor gehen musste. Doch die Tage vergingen wie im Fluge, es musste weitergehen – auch wenn wir noch lange nicht bereit waren.

Das erste Spiel fand auf Schalke statt. Vor dem Anpfiff gab es eine Schweigeminute, man hätte das Fallen einer Stecknadel hören können. Später bescheinigte man mir eine gute Leistung. Es hieß, ich sei der Situation erstaunlicherweise gewachsen gewesen. Tatsächlich befand ich mich im Tunnel. Es war Maskerade. Der Versuch, mit der Situation irgendwie fertig zu werden.