Zu den überharten Entscheidungen bei Handspiel

Weniger Elfmeter, bitte!

Das große 11FREUNDE-Interview mit Fifa-Schiri Felix Brych im aktuellen Heft legt nahe: Es läuft was falsch bei den Elfmeterpfiffen. Und Schuld daran ist das Fernsehen.

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Als wir den deutschen Spitzenschiedsrichter Felix Brych zum großen Interview für die aktuelle Ausgabe unseres Magazins trafen, gab er nicht nur eindrucksvolle Einblicke, unter welchem Druck Referees heute stehen und wie er damit umgeht. Das Gespräch kam natürlich auch auf den Videobeweis (»Ich weiß, dass viele Fans ihn nicht so mögen, aber der Video-Assist wird in Zukunft das Maß der Dinge sein.«) und die Regel, die alle Fußballfans momentan am meisten frustriert: das Handspiel. »Es wird da keine abschließende Meinung geben«, sagte Brych. »Wir reagieren dabei sogar auf den Zeitgeist. In meiner Karriere ist bestimmt fünf Mal die Auslegung verändert worden, was Handspiel ist.«

Das Fernsehen ist Schuld!

Dass Fußballregeln und ihre Interpretation dem Zeitgeist unterliegen, ist an sich nichts Neues. Früher etwa wurden Spieler noch als »harte Männer« gefeiert, die heute kein Spiel mehr ohne Rote Karte beenden würden, weil es nicht mehr unserem Verständnis von Fußball entspricht, dass Künstler auf dem Platz kaputt getreten werden dürfen. Erstaunlich ist jedoch, wie FIFA-Referee Brych die Veränderungen erklärte, was Handspiel ist oder nicht. Sie sei nämlich vor allem vom Fernsehen beeinflusst. »Dazu haben die Superzeitlupen beigetragen, übrigens auch beim Foulspiel. Weil uns auf diese Weise immer mehr Kontakte im Strafraum herausgefiltert und unter die Nase gerieben wurden, gibt es mehr Elfmeter als vor zehn oder 20 Jahren«, sagte er.

Neulich bestätigte das auch der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Jochen Drees, inzwischen Projektleiter Video-Assistent im DFB: »Wir legen Handspiele heutzutage eher als strafbar aus, als das vielleicht noch vor fünf Jahren der Fall gewesen ist.« Das jedoch ist eine schlichtweg falsche Entwicklung. Wir müssen uns dazu nur klar machen, dass der Elfmeter neben dem Platzverweis die härteste Strafe ist, die ein Schiedsrichter aussprechen kann. Drei von vier Elfmetern werden verwandelt, wenn man so will ist ein Elfmeter also ein Dreiviertel-Tor. Da im Fußball im Schnitt sowieso nur rund drei Tore pro Spiel fallen, beeinflussen Strafstöße ihren Verlauf also in den meisten Fällen massiv.

Neuer Maßstab: Unnatürliche Armbewegung

Angesichts des riesigen Aufwands, den Fußballmannschaften heute treiben, nimmt es sich schon fast absurd aus, dass Spiele durch Szenen entschieden werden, bei denen wir auf Superzeitlupen starren, um verbreiterte Körperflächen auszumachen oder zu rufen: »Es gab Kontakt!« Fußballspiele sollten durch bessere Leistungen auf dem Platz gewonnen werden und nicht durch mikroskopisch ermittelte Regelverstöße. Gerade angesichts der Wucht der Strafe, sollte das Rechtsprinzip »Im Zweifel für den Angeklagten« im Strafraum ganz besonders gelten.

Der International Football Association Board, in dessen Händen das Regelwerk liegt, will bei seiner nächsten Sitzung Anfang März in Aberdeen eine Präzisierung des Handspiels diskutieren. Demnach könnte die »unnatürliche Armbewegung« ins Regelwerk aufgenommen werden. Das ist nachvollziehbar, denn Spieler sollten mit ihren Arme nicht arglos in der Luft herumwedeln. Auch unabsichtliches Handspiel könnte strafbar werden, wenn daraus ein vielversprechender Angriff oder sogar ein Tor entsteht. Ein Tor wie das von Mönchengladbachs Christoph Kramer am letzten Spieltag der Hinrunde bei Borussia Dortmund würde dann nicht mehr zählen. Auch das ist gut, aber dringend notwendig wäre etwas anderes: Bei allen Entscheidungen im Strafraum, die im Graubereich liegen, einfach weiterlaufen zu lassen und schlichtweg weniger Elfmeter zu pfeifen.