Zu den Ausschreitungen beim Istanbuler Derby

»Istanbul United? Ein Mythos!«

Bevor wir uns für die Reportage »Der Kampf geht weiter« (in 11FREUNDE #143) auf den Weg nach Istanbul machten, um über die treibende Kraft der Besiktas-Ultragruppe Carsi zu recherchieren,  sprachen wir mit verschiedenen türkischen Journalisten und Fußballanhängern. Schon die ersten Nachfragen ließen darauf schließen, dass ein Status quo wie »Istanbul United« vom Gros der Fans nicht gewünscht wird. »Das ist beschämend«, schrieb ein führendes Mitglied von Galatasarays Gruppe UltrAslan auf Anfrage von 11FREUNDE. Ein anderer sagte: »Es ist ein Mythos.« Auch Ekin Öksuz, seit den achtziger Jahren Mitglied von Carsi und seit Ende der Neunziger deren Deutschland-Vertreter, sorgte sich. Angesichts der expliziten politischen Positionierungen der verschiedenen Ultra-Gruppen sah er sogar den Friedensvertrag von 1997 in Gefahr: »Warten wir die Derbys ab«, sagte er. »Es könnte alles noch viel schlimmer werden.«
 
War es Sonntag soweit? In der 92. Minute musste das Derby zwischen Besiktas und Galatasaray abgebrochen werden, nachdem Galatasarays Felipe Melo die Rote Karte gesehen und mit einer provozierenden Geste den Platz verlassen hatte. In der Folge stürmten hunderte Fans den Platz. Ungeklärt ist, was die Motive hinter den Ausschreitungen waren. Waren sie politisch motiviert? War es reiner Hooliganismus?
 
Carsi hat dazu noch keine Erklärung rausgegeben. Es gibt aber allerhand Theorien. Zunächst kann ausgeschlossen werden, dass Galatasaray-Fans dahinter stehen, schließlich werden bei Istanbuler Derbys keine Auswärtsfans ins Stadion gelassen.

Wer steckt hinter den Randalen vom Sonntag?
 
In einigen Medien ist von einer Gruppe namens 1453 Kartallari die Rede, und auch türkische Oppositionelle machen diese Gruppe für die Ausschreitungen verantwortlich. Dieser Fanklub hat sich erst vor zwei Wochen gegründet. Sein Ziel: Ein Gegengewicht zu den linken Carsi-Fans zu schaffen, die in der jüngeren Vergangenheit stellvertretend für alle Besiktas-Fans standen. 1453 Kartallari sympathisiert mit der AKP und soll gemeinsame Sache mit den großen Ultragruppen von Galatasaray und Fenerbahce machen.
 
Ein Foto zeugt jedenfalls von einem Treffen, auf dem die UltrAslan- und GBF-Ultras der neuen rechtsgerichteten Besiktas-Gruppe zu ihrer Gründung gratuliert haben.
 
Aus einer anderen Ecke heißt es, dass 1453 Kartallari vor den Spielen angekündigt hätte, die 34. Minute nicht zu stören. In dieser Minute ertönt in den Stadien neuerdings der Schlachtruf: »Überall ist Taksim, überall ist Widerstand«. 34 steht für die Autokennzahl von Istanbul. Das Verhältnis sei durch die politische Ausrichtung nicht gestört, schließlich seien einige Mitglieder von Carsi und 1453 Kartallari miteinander bekannt. Carsi akzeptierte daher auch die Bildung der Gruppe. »Aus demokratischen Gründen«, heißt es. Diese Theorie würde bedeuten, dass 1453 Kartallari überhaupt nichts mit den Randalen am Sonntag zu tun habe, sondern diese von militanten Pro-Erdogan-Leuten initiiert wurden, die es unabhängig von Fußball oder den Fangruppen nur darauf angelegt hätten, als Agent Provocateure eine Hooligan-Dynamik zu entfachen.
 
Carsi selbst distanziert sich von den Ausschreitungen. Man habe beim Spiel auf dem Tribünen-Oberrang gestanden und hätte keine Chance gehabt, aufs Spielfeld zu kommen.
 
So oder so: Der Regierung kommt es zupass, dass Besiktas die nächsten Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen muss. Weil das Inönü, das eigentliche Stadion von Besiktas, gerade abgerissen wird, finden die Spiele nämlich ab kommender Woche im Stadion von Kasimpasa statt. Und einer der kommenden Gegner heißt sogar Kasimpasa Spor. In diesem Stadtteil, der an Taksim grenzt, hat Tayep Recep Erdogan die meisten Anhänger. Sogar das Stadion ist nach ihm benannt. Wenn in 90 Minuten einmal ein politischer Slogan ertönt, will die Regierung den Vertrag mit dem Klub kündigen. Für das Spiel gegen Kasimpasa malen Polizei und Regierung seit Wochen ein Kriegsszenario. Es könnte krachen, mehr noch als am Sonntag. Auch ohne Publikum.

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Für unsere Reportage über die Rolle der Besiktas-Ultras bei den Gezi-Protesten reisten wir für drei Tage nach Istanbul, trafen die führenden Mitglieder von Carsi, linke Ultras von Fenerbahce und rechte Fans von Galatasaray. Und wir sprachen mit Anhängern, Historikern und Buchautoren über die lange Geschichte der Fan-Kämpfe in der Türkei
 
»Der Kampf geht weiter ­– die Rolle der Besiktas-Ultras bei den Gezi-Protesten« in 11FREUNDE 143. Jetzt am Kiosk oder im App-Store.