Zu Besuch in Ibrahimovics Heimatort

»Klar hast du kein Geld, wenn du 20 Kinder hast!«

In einer Fußgängerzone mit vielen arabischen Schildern trifft der Jugendtrainer einen Knirps im Trikot des FC Rosengard. Neun Jahre, Eltern aus Somalia, starker linker Fuß, betont Kurtovic. Er wuschelt ihm durchs Haar, fragt, wie das Spiel lief. Und, magst du Zlatan? »Ein bisschen«, sagt er schüchtern, »ich mag Neymar lieber.« Dann läuft der Knirps weiter, allein durch die Fußgängerzone.

Der Vater habe 20 Kinder, die er nichtmal alle kenne, teils in Dänemark, erklärt Kurtovic. Dem FC Rosengard sagte er, er habe kein Geld für Mitgliedsbeiträge. »Klar hast du kein Geld, wenn du 20 Kinder hast!«, sagt Kurtovic und schüttelt den Kopf. Kaum einer kümmert sich da um das einzelne Kind. Das Buch »Ich bin Zlatan« verrät, dass all die Tricks nicht nur die Kids im Hof beeindrucken sollten. Zlatan wollte so gut werden, dass sein Vater bei einem seiner Spiele vorbeischaut. Irgendwann kam er.

»Man muss doch wenigstens ein Ziel haben!«

Doch wird eines der Flüchtlingskinder von heute der nächste Ibrahmovic? Werden sie einmal Schwedens Nationalteam prägen? »Ich glaube nicht«, sagt Kurtovic, er seufzt es fast. Bei den Mädchen vielleicht, die hätten Biss. Schwedische Spielerinnen seien zu brav. Aber die Mädchen dürfen ja nicht.

Auf einer Brücke hält er plötzlich an und sagt laut: »Wissen Sie, was das Schlimmste ist?« Manchmal frage er die Kinder beim Training, was ihr Traum sei. »Dann sagen mir viele, sie hätten gar keinen.« Er schüttelt den Kopf. Nicht jeder müsse Nationalspieler werden. »Aber man muss doch wenigstens ein Ziel haben!« Doch nur wenige in ihrem Umfeld leben vor, dass harte Arbeit zu Erfolg führt.

Was ihm an Talent fehlte, machte er mit Willen wett

Kurtovic weiß, woher der Erfolg von Ibrahimovic kommt. Was ihm an Talent fehlte, machte er mit Willen wett. Oft jonglierte er abends stundenlang den Ball, im Schein einer Straßenlaterne, bis er kaum noch etwas sah. Ohne Flutlicht am Bolzplatz.

Kurtovic trifft Ibrahimovic manchmal, bei Spielen, im Restaurant, sie grüßen sich, mehr nicht. Um Geld hat er den Star mit zuletzt 15 Millionen Euro Jahresgehalt nie gebeten. Obwohl der FC Rosengard nie mitkassiert hat bei den Klubwechseln in Zlatans Karriere, von Malmö nach Amsterdam, von Turin nach Mailand, von Barcelona nach Paris. Die Unterlagen, die belegen, wo er ausgebildet wurde, vernichtete ein feuchter Verbandskeller.

 »Ich werde hier spielen, wartet auf mich«

Aber Ibrahimovic hängt noch an seiner Heimat. Als er im letzten Herbst mit Paris St. Germain zu Gast bei Malmö FF war, mietete er den Marktplatz und spendierte ein Public Viewing. Der Junge aus dem Ghetto will immer noch vor allem eines: gesehen werden. Während der EM in Frankreich wird viel spekuliert: Wo liegt Zlatans Zukunft? Manchester United, Bayern München gar? Ibrahimovic selbst sagte bei einem Testspiel der Schweden in Malmö: »Ich werde hier spielen, wartet auf mich.«

Ibrahimovic schießt wieder Tore für Malmö FF! Wäre das nicht das positive Vorbild, das die Flüchtlingskinder von Rosengard bräuchten? Ivica Kurtovic ist am Vereinsheim angekommen und sagt: »Das wäre fantastisch. Aber dafür fehlt ihm die Demut.« Wie zum Beweis reckt er die Nase nach oben. »Aber anderseits: Wenn er anders wäre, wäre er hier nie weggekommen.« Vor dem Heim hebt er einen heruntergefallenen Ast auf und wirft ihn ins Gebüsch. Einer muss hier ja für Ordnung sorgen.